Erziehung der Elite
Vom 14.-20. Januar öffnete in Kislowodsk der Diskussionsklub „Avantgarde“ seine Türen
Das deutsche Städtchen Göttingen spielte im 19. Jahrhundert eine wichtige Rolle für den russischen Adel - von dort brachte man die „Göttingener Seele“ und die „Früchte der Gelehrtheit“ mit nach Hause. Auch im 21. Jahrhundert spielt Göttingen eine Schlüsselrolle im Leben der russlanddeutschen Elite: Hier sprach der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Christoph Bergner 2006 zum ersten Mal von der Notwendigkeit einer Elite der deutschen Minderheiten in den GUS-Ländern und der Förderung ihrer Bildung. Seitdem wird immer wieder diskutiert, was es eigentlich auf sich hat mit der russlanddeutschen Elite. Der Diskussionsklub „Avantgarde“, der Mitte Januar in Kislowodsk stattfand, ist ein weiteres Beispiel dafür.
„In Kislowodsk habe ich deutlich begriffen, was „Avantgarde“ ist, wozu wir dieses Projekt brauchen und wohin uns das führen wird“, sagt Oleg Finger aus Kiew. „Bisher war mir das nicht ganz klar. Eines der positiven Ergebnisse des Diskussionsklubs war es aus meiner Sicht, dass hier die Aufgaben und Ziele des Projektes formuliert wurden“.
Die Aufgaben und Ziele des Programms „Förderung der Avantgarde“ wurden freilich bereits 2008 festgelegt. Ein Jahr zuvor war eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen worden, der Vertreter föderaler Organisationen der Russlanddeutschen sowie der Deutschen Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ), die im Auftrag der Bundesregierung das Programm der Unterstützung der deutschen Minderheit in der Russischen Föderation umsetzt, angehörten. Die Arbeitsgruppe hatte das „Arbeitskonzept im Bereich der Förderung der Avantgarde“ entwickelt, das allen Beteiligten zur Kenntnisnahme und Arbeit zur Verfügung gestellt wurde. In diesem Dokument hieß es, zur Avantgarde gehörten „Anführer (führende Persönlichkeiten) und aktive Vertreter der Russlanddeutschen mit einem ausgeprägten nationalen Selbstbewusstsein“.
In der Praxis war es allerdings nicht so einfach. „So haben wir zum Beispiel eine Bildhauerin in Marx“, erzählt Elena Heidt, Vorsitzende der national-kulturellen Autonomie des Bezirks Marx des Gebietes Saratow. „Aber wie viele andere begabte Menschen ist sie tief in sich selbst versunken und sie engagiert sich gesellschaftlich überhaupt nicht. Soll man sie auch zur Avantgarde zählen oder eher nicht?“ Bisher wusste Elena keine Antwort auf diese Frage. Nachdem sie aber zusammen mit den anderen „Avantgardisten“ an der Diskussion in Kislowodsk teilgenommen hatte, verstand sie: Die Antwort lautet „ja“. Man müsste nur in speziellen Seminaren das nationale Bewusstsein der Bildhauerin entwickeln, ihre kreative Entfaltung fördern und sie zum Erlernen der deutschen Sprache bewegen. Und dann, dessen ist Elena Heidt absolut sicher, würde man die begabte junge Frau zu Recht als Teil der russlanddeutschen Avantgarde betrachten können. Elena ist mit den Ergebnissen der zweistündigen Diskussion mit den Vertretern der jungen Generation der Russlanddeutschen zufrieden. Auch andere Kollegen aus der „alten Garde“ sehen sie als positiv. Alexander Grinenwald, Vizepräsident der Föderalen national-kulturellen Autonomie, sprach von einem „sehr hohen Anteil aktiver junger Menschen, die den Kern der Sache verstehen“. Ekaterina Vaizenberg-Schwetje, Projekt-Managerin der GTZ in Berlin und Koordinatorin der Arbeitsgruppe „Förderung der Avantgarde“, sah mit großer Genugtuung einen „positiven Effekt von der gemeinsamen Diskussion, der dadurch entstand, dass die Meinungen der älteren und jüngeren Teilnehmer sich gegenseitig ergänzten“. „Nur hatte ich leider den Eindruck, dass nicht alle Teilnehmer entsprechend vorbereitet waren, schließlich hatten wir Lehrkräfte auf dem höchsten Niveau“, ergänzt sie.
In Kislowodsk kamen junge Menschen zusammen, die im Rahmen eines durch den Internationalen Verband der deutschen Kultur (IVDK) organisierten Wettbewerbs sowie einer regionalen Auswahl durch die deutsche national-kulturelle Autonomie Stawropol ausgewählt wurden. Sechs Tage lang nahmen sie an Diskussionen und runden Tischen, am Deutschunterricht und an Interessengruppen - Literatur, Geschichte, Politik und Bräuche und Traditionen - teil. Jeder Teilnehmer konnte selbst entscheiden, was er wann macht. „Das Projekt sah völlige Entscheidungsfreiheit vor, dadurch hatten die jungen Menschen die besten Voraussetzungen für die Entfaltung ihrer Individualität“, sagt Elena Seifert. In Kislowodsk leitete die führende Expertin für russlanddeutsche Literatur den Literaturklub. „Ich freue mich, dass die meisten Teilnehmer des Projektes das Vertrauen, das wir ihnen mit dieser Entscheidungsfreiheit erwiesen haben, zu schätzen wussten“, sagt Olga Martens, stellvertretende Vorsitzende des IVDK und Leiterin des Projektes. „Trotz aller Kritik am Projekt „Avantgarde“ bin ich der Meinung, dass dieses Projekt im Rahmen der Tätigkeit des IVDK die Impulse, Methoden und Technologien erhält, die für seine Umsetzung notwendig sind“.
Der IVDK geht gründlich an die strategische Planung der Arbeit um Rahmen des zunächst einmal dreijährigen Programms „Förderung der Avantgarde“ heran. Auf der Tagung der Kunstschaffenden im September des vergangenen Jahres in Uljanowsk waren Maßnahmen und Schritte abgesprochen worden, die nach Meinung der versammelten russlanddeutschen Künstler, Schriftsteller, Choreographen und Musiker für die Bildung und Förderung der russlanddeutschen Elite erforderlich sind. Im Dezember diskutierten bereits die Leiter der Begegnungszentren der Russlanddeutschen in Moskau über die möglichen Richtungen des Programms „Avantgarde“. Und nun wurde schließlich auch die junge Generation eingeladen, sich an der Diskussion über die Bildung der russlanddeutschen Avantgarde zu beteiligen. In Kislowodsk schlugen junge Teilnehmer der Projekte vor, die aus ihrer Sicht zum Erreichen des gemeinsamen Ziels beitragen könnten. Eines davon ist die Idee der „Kreativen Akademie“, die allerdings nicht bei allen Teilnehmern auf Zuspruch traf. „Dafür brennen wir umso mehr darauf“, sagt Marina Daudrich. „Zur Avantgarde zählen wir Menschen, die etwas schaffen - Photographen, Sänger, Wissenschaftler - und auch kundige Leiter der Begegnungszentren“. Marina wiederholt dabei beinahe die Worte ihres berühmten Landsmannes Nicholas Roerich. Er sprach ebenfalls davon, dass nicht nur Musiker und Künstler schöpferischen Persönlichkeiten sind - auch gute Taten sind Schöpfungen. Alle Menschen unterteilte Roerich in diejenigen, die schöpfen, und diejenigen, die verurteilen. Die Letzteren stellten die Masse dar. Die gelte es anzustecken und zu bekehren.
Viele junge Menschen hat der Diskussionsklub „Avantgarde“, der in Kislowodsk stattfand, bereits mit seinen Ideen angesteckt. „Nach diesem Projekt werde ich dank der hier erworbenen Kenntnisse meinen Zyklus von Vorlesungen in Geschichte fertig stellen“, sagt Iwan Koch aus Minusinsk. Wie viele andere Jugendliche will auch Sergej Flo nach seiner Rückkehr in Tomsk seinen Freunden in der Organisation von diesem Projekt erzählen: „Ich will mit meiner Großmutter über die deutsche Kultur reden und einen Stammbaum aufstellen. Und Deutsch lernen! Ja, ich schäme mich dafür, dass ich kein Deutsch kann. Aber jeder Mensch muss sich in jeder Lebensphase neue Ziele setzen, und ich habe jetzt dieses Ziel“, so Sergej. „Wenn wir wieder zu Hause sind, werden wir Kostüme nähen, ein deutsches Kindertheater und einen Kindertanzzirkel gründen“, sagt Olga Jurjewa aus Chisinau. Ein Besuch beim Kislowodsker „Theater ohne Souffleur“ sei Anstoß dazu gewesen.
„Man sieht, dass wir uns bereits einem konkreten Resultat nähern“, sagte Vorsitzende des Regionalen Koordinierungsrates der Begegnungszentren Westsibiriens und des Fernen Ostens Elena Bobrowskaja nach einer gemeinsamen Diskussion mit den Jugendlichen. „Das erfüllt mich mit Zufriedenheit“. Aus dieser Region kommt übrigens die als beste Teilnehmerin des Diskussionsklubs „Avantgarde“ ausgezeichnete Julia Karich (Abakan). Julia erhält ein individuelles Stipendium des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur für ihre Ausbildung und ihre weitere persönliche Entwicklung.
Olga Silantieva |