| | Das Lager Friedland wird 65: Was bringt die Zukunft?
Mitte der 90er Jahre fuhren von der Konsularabteilung der deutschen Botschaft Moskau täglich mehrere Buse in Richtung Deutschland ab. Dort konnte man Fahrkarten für alle Strecken „Hin und zurück“ kaufen. Nur zu einem Zielort fuhr man meistens ohne Rückfahrschein – nach Friedland. Seitdem hat sich vieles geändert. Die Strecke „Moskau – Friedland“ ist bei weitem nicht mehr so gefragt. Teilweise, weil sich viele mittlerweile einen Flug leisten können, aber vor allem liegt es daran, dass es immer weniger Aussiedler gibt, die nach Deutschland können. Im ersten Halbjahr 2010 ist die Zahl der Spätaussiedler auf rund 950 und damit einen historischen Stand gesunken. Bis Ende dieses Jahres rechnet man insgesamt mit 2.000 Aussiedlern aus der ehemaligen Sowjetunion. In Anbetracht der sinkenden Zahlen führt die niedersächsische Landesregierung, auf dessen Territorium sich das Lager auch befindet, bereits seit zwei Jahren Verhandlungsgespräche über die Entstehung eines Museums in Friedland. Allerdings bisher erfolglos.
Wenn man „Friedland“ hört, hat man sofort „Aufnahmelager“ im Kopf. Nur einige wenige Ortschaften in Deutschland werden so mit einer bestimmten Organisation bzw. Behörde assoziiert und können sich als Ort der Neueren Geschichte hervortun wie diese kleine Siedlung mit 1.300 Einwohnern in der Nähe von Göttingen. Deswegen verwundert es niemanden, dass die niedersächsische Landesregierung sich so ernst für die Gründung des Friedland-Museums einsetzt. Vorausgesetzt, die Finanzierung stimmt.
An den Grenzen der britischen, amerikanischen und sowjetischen Besatzungszone liegend, wurde das Lager im September 1945 auf Anordnung der britischen Besatzungsmacht zur Durchschleusung von Evakuierten und Flüchtlingen eingerichtet. Anfangs vorübergehend in den Viehstellen der landwirtschaftlichen Versuchsanstalt der Universität Göttingen, später wurden Blechbaracken errichtet – eine davon steht immer noch auf dem Gelände des Lagers. Seitdem war das Lager Friedland für zahlreiche Menschen die erste Anlaufstelle in der BRD. In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurden Hundertausende deutsche Heimkehrer aus der Kriegsgefangenschaft empfangen. Später wurde Friedland als Übergangslager für Übersiedler aus der DDR genutzt, dann – als Aufnahmelager für deutsche Volkszugehörige (sogenannte (Spät-)Aussiedler), die meisten von ihnen aus der ehemaligen Sowjetunion. Darüber hinaus wurden im Lager zahlreiche Flüchtlinge aus Ungarn, Chile, Vietnam, Sri Lank, Albanien und Irak aufgenommen. Seit seiner Gründung 1945 war das Lager Friedland für mehr als 4 Millionen Menschen die erste Anlaufstelle in der Bundesrepublik Deutschland. Aus diesem Grund wird es als „Tor zur Freiheit“ bezeichnet.
Heute ist das Lager Friedland die einzige Erstaufnahmeeinrichtung für Spätaussiedler in Deutschland. Im Jahre 1990 kamen nach Friedland ca. 85.000 Menschen. Im Jahre 2009 waren es 5.300 Menschen. Damit das Lager nicht in Vergessenheit gerät, begann man in der niedersächsischen Landesregierung über ein ethnografisches Museum nachzudenken, in dem man sich mit der Geschichte des Lagers auseinander setzen könnte. Flucht, Vertreibungen, Integrationsweg: Was ist mit all diesen Menschen, die durch das „Tor der Freiheit“ gegangen sind, geschehen? Wie ging ihr Leben in Deutschland weiter? Das geplante Museum soll die konkreten Biographien von konkreten Menschen verfolgen.
Im Sommer 2008 versprach der niedersächsische Innenminister Uwe Schünemann, dass das Museum im Jahre 2013 eröffnet wird. Inzwischen sind die Meldungen aus Hannover immer weniger optimistisch. Die finanzielle Seite sieht alles andere als rosig aus. Die Zukunft des Museums ist ungewiss.
Trotz der unsicheren Zukunft suchen die wissenschaftlichen Mitarbeiter der Universität Göttingen bereits seit zwei Jahren nach möglichen Ausstellungsexponaten fürs Museum: in Archiven, Museen und Privathaushalten. Sascha Schießl ist einer von ihnen. Auf seiner Erfolgsliste sind bereits einige spannende Gegenstände zu finden: eine Glocke aus Holz, die von deutschen Rückkehrern gemacht wurde, zahlreiche Postkarten, eine Truhe, in der Aussiedler ihr ganzes Hab und Gut transportierten, und eine Wattejacke, die ein deutscher Kriegsgefangener vor seiner Rückkehr in die Heimat von den Sowjets mit auf den Weg bekam. Im Geschichtsbuch des Grenzdurchgangslagers seien noch sehr viele Seiten ungelesen, sagt Sascha Schießl. Deswegen sollte man sich jetzt schon an die Arbeit machen, auch wenn die geplante Gründung des Museums nicht verwirklicht werde.
Diana Laarz
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28.01.2010
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04.07.2008
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