17. Januar 2015

Boris Rauschenbach: Der 100. Geburtstag einer Legende

Boris Rauschenbach: Der 100. Geburtstag einer Legende

Heute, am 18. Januar wäre der bemerkenswerte Russlanddeutsche und berühmte Wissenschaftler Boris Rauschenbach, der unmittelbar an der Vorbereitung des ersten bemannten Flugs ins All beteiligt war, 100 Jahre alt geworden. 

Heute, am 18. Januar wäre der bemerkenswerte Russlanddeutsche und berühmte Wissenschaftler Boris Rauschenbach, der unmittelbar an der Vorbereitung des ersten bemannten Flugs ins All beteiligt war, 100 Jahre alt geworden. 

In seinen Memoiren „Postskriptum“ schrieb Boris Rauschenbach: „Mein Leben  zeichnet ein nicht ganz einfaches Bild, es war zuweilen sehr schwierig bis schrecklich. Aber es ist dennoch interessant zurückzublicken! Es gibt Dinge, die mir jetzt unwirklich erscheinen, so, als ob sie nicht mir passiert wären. Und doch, all das geschah mit mir ...“.

Einer der Mitbegründer der sowjetischen Raumfahrt wurde in St. Petersburg in einer Familie des Wolgadeutschen, Viktor Rauschenbach und einer Deutschbaltin, Leontine Hallik geboren. Nach der Schule arbeitete Boris Rauschenbach im Leningrader Flugzeugbauwerk, bis ihn schließlich bei einem Testflug auf der Krim das Schicksal mit Sergej Koroljow zusammenführte. Es war dann im Moskauer Raketenforschungsinstitut, wo Boris Viktorowitsch seine wissenschaftliche Tätigkeit begann und bis zur Repression von Sergej Koroljow an der Entwicklung von Marschflugkörpern arbeitete.

Das Schicksal seines Kollegen und Mitarbeiters blieb auch Rauschenbach nicht verschont - im Jahr 1942 wurde ihm sein Arbeitsplatz gekündigt und er wurde wie die meisten Sowjetdeutschen in ein Zwangsarbeitslager nach Nischnij Tagil deportiert. Wie sich Boris Rauschenbach erinnerte „(...) hatte ich formal keine Anklage; die einzige Anklage war es Deutsch zu sein, und das bedeutete ein unbefristetes Strafurteil. Aber der Gulag ist der Gulag - Gitterzäune, Hunde, alles, wie vorgeschrieben. Formal war ich in der Arbeitsarmee, aber in Wirklichkeit war das noch schlimmer als eine Arbeitsarmee. Wir wurden schlechter ernährt als Gefängnisinsassen, waren unter denselben Bedingungen eingepfercht, hinter dem gleichen Stacheldraht, mit dem gleichen Konvoi und dem ganzen Rest.“

Allerdings konnten keine Gitterzäune, kein Stacheldraht, keine Mühsal Rauschenbachs Vorliebe und Neigung für die Wissenschaft zunichte machen: Selbst in dem Deportationsgebiet auf der Pritsche im Lager sitzend, setzte Rauschenbach auf einem Papierfetzen seine zuvor begonnenen theoretischen Arbeiten fort. Nach der Entlassung aus dem Zwangsarbeitslager nahm Rauschenbach im Volkskommissariat für innere Angelegenheiten seine theoretische Forschungstätigkeit für das Raketenforschungsinstitut, wenn auch aus Entfernung, erneut auf, bis der neue Leiter des Instituts, M.W. Keldysch es schaffte, seine Rückkehr nach Moskau zu organisieren. 

Später begann Rauschenbach wieder damit, gemeinsam mit Koroljow das Orientierungssystem von Weltraumapparaten und deren Bewegung im All zu erarbeiten. Dadurch war es schließlich gelungen, Fotoaufnahmen von der Rückseite des Mondes zu machen. Für dieses einzigartige Projekt wurde Rauschenbach mit dem Lenin-Preis ausgezeichnet. Unter Rauschenbachs Leitung war es zudem gelungen, Orientierungs- und Flugkorrektursysteme für Weltraumsonden wie „Mars“, „Venus“, „Zond“, Kommunikationssatelliten sowie Andocksysteme von Raumfahrzeugen an Raumstationen, einschließlich Juri Gagarins „Wostok“ zu entwickeln.

Boris Rauschenbach war darüber hinaus ein ausgezeichneter Lehrer: Seit 1948 hielt er Vorlesungen an der physikalisch-technischen Fakultät der Moskauer Staatlichen Lomonossow-Universität, und wurde im Jahre 1959 Professor am Moskauer Institut für Physik und Technologie, an dem er mehr als zwei Jahrzehnte die Abteilung für Mechanik leitete.

Die wissenschaftlichen Arbeiten Rauschenbachs wurden mit zahlreichen russischen und internationalen Preisen prämiert, und seine journalistischen Schriften mit ideologischem, philosophischem, theologischem und auch kunstwissenschaftlichem Charakter zeigten nur allzu deutlich, wie vielseitig seine Persönlichkeit war. Sein Lebenswerk wurde im Rahmen des Allrussischen Wettbewerbs „Die besten deutschen Namen Russlands“ gewürdigt, welcher seit 2011 vom Internationalen Verband der deutschen Kultur (IVDK) ausgerichtet wird und jene Russlanddeutsche auszeichnet, die zur wesentlichen Entwicklung der Menschheit auf wissenschaftlichem, künstlerischem und gesellschaftlichem Gebiet beigetragen haben. Alle GewinnerInnen, unter ihnen der Wirtschaftswissenschaftler, Professor Wladimir Faltsmann;  der Biologie, Professor Reginald Zielke; der Philologe, Professor Nikolai Schamne; die Historikern, Irina Tscherkasjanowa, fühlen sich geehrt, PreisträgerInnen des Wettbewerbs zu sein.

Im Jahr 2000 schrieb der Patriarch von Moskau und ganz Russland, Aleksij II.: „Ich bewundere die unermüdliche Arbeit und den Forscherdrang der schöpferischen Persönlichkeit von Boris Rauschenbach. Ihm sind ausgetretene Pfade zu eng, es zieht ihn vielmehr zu neuen Bereichen des Denkens. Die erstaunliche Vielfalt an Talenten und die kreativen Interessen von Boris Rauschenbach, dem es eigen ist, in allen möglichen Bereichen erfolgreich zu sein, lassen ihn in eine Reihe mit den Weisen aus dem Zeitalter der Renaissance stellen.“

Heute, 15 Jahre später, kann man getrost sagen, dass dank Menschen wie Boris Rauschenbach, die modernen „Denkräume“ an Tiefe und Weite gewinnen und so zur Verbesserung und Erleichterung des menschlichen Lebens durch neue Erkenntnisse beitragen. 


Pressedienst IVDK
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Rubrik: IVDK, Wissenswertes

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