Altairegion. , 26 Januar 2016

Die erste deutsche Zeitung der Nachkriegszeit

Andreas Kramer und Reinhold Frank /
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ZfD

Vor 60 Jahren, fast gleich mit dem Erlass vom 13. Dezember 1955 wurde im westsibirischen Barnaul/Altairegion die erste deutschsprachige Zeitung der Nachkriegszeit „Arbeit“ gegründet.

Wie auch die späteren deutschsprachigen Zeitungen wurde mit diesem Blatt das Ziel verfolgt, die sowjetische Lebensweise zu propagieren. Außerdem sollte die Zeitung in deutscher Sprache den Bestrebungen der Russlanddeutschen zur nationalen Konsolidierung und zur Wiederherstellung der Wolgarepublik entgegenwirken, sowie letztendlich eine gewisse Kontrolle über alle Lebensbereiche der deutschen Bevölkerung gewährleisten. Andererseits war das Erscheinen der „Arbeit“ eine weitere Bestätigung für die in Moskau getroffene Festlegung, der zufolge die deutschen Sondersiedler nicht mehr an die Orte, von denen sie verbannt worden waren, zurückkehren durften.

Der Chefredakteur Viktor Pestow und manche andere Mitarbeiter des Blattes hatten langjährige Erfahrungen in der ideologischen Arbeit unter den Deutschen. Pestow war nach dem Krieg Mitarbeiter der „Täglichen Rundschau“ in Ost-Berlin gewesen, die von den sowjetischen Besatzungsbehörden für die Deutschen herausgegeben wurde. Nun hatte er den Auftrag, ein deutschsprachiges Blatt für die Russlanddeutschen aufzubauen. Auch Lew Malinowski arbeitete laut seiner Aussage (Zeitschrift „Kultura“, Omsk, 1/2014) in den Jahren 1945-1948 als Presseoffizier und Dolmetscher/Übersetzer beim Kommandanten in Berlin und studierte später Germanistik in Moskau.

Eine entscheidende Frage ganz am Anfang war die, in welchem Deutsch die Texte für die Zeitung geschrieben werden. Schließlich einigte man sich darauf, dass die Beiträge auf Hochdeutsch, das in Deutschland üblich war, verfasst werden. Fremdwörter und komplizierte Wortverbindungen wurden gemieden, der sprachliche Ausdruck sollte einfach und zugänglich sein.

Schon bald kamen auch Russlanddeutsche in das Redaktionsteam. Dazu gehörten unter anderen Andreas Kramer, Joachim Kunz, Johann Warkentin und Peter May. Der ehemalige Lehrer Joachim Kunz leitete die Briefabteilung und konnte durch persönliche Kontakte schon in kurzer Zeit einen breiten Kreis von Dorfkorrespondenten und Lesern anwerben. Als Dorfkorrespondenten unterstützten die Zeitung vor allem die Lehrer (später auch bekannte Autoren in der russlanddeutschen Literaturszene) Waldemar Spaar, Peter Klassen, Leo Maier, Georg Rau, Ewald Katzenstein und Schreibende aus anderen Berufen.

Langsam aber sicher verwandelte sich die Zeitung in ein Medium, das das nationale Bewusstsein der Russlanddeutschen weckte. Um mehr Leser anzuwerben, wurden neben der Redaktionsarbeit bereits in der ersten Anfangszeit Leserkonferenzen veranstaltet. Die erste Leserzusammenkunft fand am 22. April 1956 in Sorokino (jetzt Sarinsk) mit etwa 250 Teilnehmern statt und verwandelte sich in ein „wahres Volksfest der Deutschen mit Gesang und Aufführungen von Laienkünstlern“, erinnert sich Lew Malinowski. Auch Werbeausstellungen wurden vorbereitet, eine davon hieß „So wird die Arbeit gemacht“ und erzählte über den Alltag der Redaktionsarbeit und einzelne Redakteure, darunter war auch das Bild mit Andreas Kramer im Gespräch mit Reinhold Frank (Dichter aus Kasachstan). So konnten die Leser sehen, dass in der Redaktion auch deutsche Mitarbeiter sind. Von der „Arbeit“ wurden mehrere solche Leserkonferenzen veranstaltet.

Bei diesen Treffen wurde, im Gegensatz zu den Themen auf den Zeitungsseiten, auch über Fragen der Deportation, der Arbeitsarmee oder der Wolgarepublik debattiert. Aktive Fürsprecher der russlanddeutschen Autonomie und der Schaffung eines deutschen Klubs in Barnaul waren Andreas Kramer und der literarische Beirat der Zeitung Johann Warkentin. Innerhalb der Redaktion gab es geteilte Meinungen über diese Thematik. Die Bereitschaft mancher Redakteure, sich mehr mit Themen wie Arbeitsarmee, Deportation oder Wiederherstellung der Autonomie zu befassen, stieß auf den Widerstand des Chefredakteurs Viktor Pestow, der sich streng an die ideologischen Vorgaben hielt.

Dennoch zeichnete sich die deutschsprachige „Arbeit“ schon bald durch ihre Eigenart aus. Sie ging, wie auch die späteren deutschsprachigen Blätter „Rote Fahne“ und „Neues Leben“, bedeutend mehr auf die kulturellen Bedürfnisse der Sowjetdeutschen ein als die deutschen Blätter der Zwischenkriegszeit. Die deutschsprachigen Zeitungen der Nachkriegszeit waren in erster Linie deutsch und erst dann parteitreu.

Bereits in den ersten Ausgaben der „Arbeit“ erschienen Gedichte und Erzählungen deutscher Dichter und Schriftsteller, die auf der zweimal monatlich erscheinenden Literaturseite veröffentlicht wurden. Bereits wenige Monate nach dem Erscheinen des Blattes meldeten sich auch einige Autoren außerhalb der Altairegion: darunter Victor Klein aus Nowosibirsk, Sepp Österreicher (Boris Brainin) aus Tomsk oder Herbert Henke aus Kemerowo.

Bereits in den ersten sechs Monaten wurden in der „Arbeit“ 50 Gedichte und Lieder veröffentlicht. Die Redaktion führte vier Literaturwettbewerbe durch, in der 100. Ausgabe der „Arbeit“ erschien eine Sonder-Literaturseite. Insgesamt sind in der „Arbeit“ 226 literarische Werke erschienen (allein für das Jahr 1956 konnten 110 Gedichte und 10 Erzählungen festgestellt werden), 183 davon von Russlanddeutschen verfasst: Darunter 123 Gedichte und Lieder mit Noten, der Rest Übersetzungen aus dem Russischen. Thematisch beschäftigten sich die Texte mit werktätigem Schaffen, Liebe zur Heimat, Kampf um den Frieden und ähnlichen Themen. Die Redaktion organisierte auch die erste deutsche Autorenkonferenz der Nachkriegszeit (laut Lew Malinowski), Teilnehmer waren unter anderen Victor Klein, Sepp Österreicher und andere Schreibende. Johann Warkentin machte einen Vortrag mit einer kritischen Werkübersicht.

Am 27. April 1957, nach knapp anderthalb Jahren, wurde die „Arbeit“ aus ideologischen Gründen, wegen vermeintlicher „autonomistischer Bestrebungen“, eingestellt. Unter anderem wurde der Redaktion Verbreitung „geheimer“ Informationen über die ausgesiedelten Deutschen vorgeworfen. Auch dass die Resonanz des Blattes immer breiter wurde und die Zeitung auch weit über die Grenzen der Altairegion Verbreitung fand, war den Parteibehörden ein Dorn im Auge.

Dafür erschienen bereits am 1. Mai 1957 die Zeitung „Neues Leben“ (Moskau, herausgegeben im Verlag des KPdSU-Parteiorgans Prawda) und ab Mitte Juni 1957 das deutschsprachige Blatt „Rote Fahne“ mit Sitz in Slawgorod/Altairegion. Viele Mitarbeiter und ehrenamtliche Korrespondenten der „Arbeit“ wurden in die neuen Redaktionen eingegliedert.

Dieses Artikel erschien zuerst in der „Zeitung für Dich“

Rubrik: Wissenswertes

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