09 März 2016

Eine Nation und ihre Elite

- Olga Silantjewa -


Seitdem 2006 das Erfordernis einer Elitebildung der Russlanddeutschen bekanntgegeben wurde, gab es bis heute unentwegte Debatten darüber, wer zu einer Elite zählt. Ungeachtet dessen wurde in zehn Jahren eine Menge für die Herausbildung einer kulturellen russlanddeutschen Avantgarde geleistet. Der Ende Februar stattgefundene Diskussionsclub „Avantgarde“ bestätigte dies.

„Ethnische Elite? Diesen Begriff habe ich noch nie gehört“, sagt Prof. Michael Hartmann von der Technischen Universität Darmstadt. „Doch der Begriff „kulturelle Elite“ existiert. Er steht für einflussreiche Leute aus verschiedenen kulturellen Gebieten – Intendanten großer Opernhäuser, Führungskräfte wichtiger Verlagshäuser und bedeutsame Schriftsteller usw. In Deutschland werden hauptsächlich konservative Kreise als „kulturelle Elite der Nation“ bezeichnet.“

„Elite der Russlanddeutschen? Davon habe ich noch nie etwas gehört“, das Gespräch der MDZ mit der russischen Soziologin mit Spezialisierung auf Eliten Olga Kryschtanovskaja war kurz: Es gibt kein Verständnis davon, daher auch keine Probleme.

Allerdings sehen das die Russlanddeutschen selbst anders. „Wenn es die Elite der Russlanddeutschen nicht gäbe, wäre unsere Nation schon längst ausgestorben“, denkt der herausragende Arzt Russlands Wladimir Weitinger aus Tomsk, der 2015 Preisträger des Wettbewerbs „Russlands herausragende Deutsche“ in der Kategorie von Boris Rauschenbach wurde.

„Man muss Kinder so erziehen, dass sie zur zukünftigen Elite ihrer Nation heranwachsen“, sagt der stellvertretende Leiter des Kreises Bolscheretschensk (Gebiet Omsk) Wladimir Grenz. „Weiterhin ist es notwendig, die Arbeit mit Jugendlichen so zu gestalten, dass die jungen Russlanddeutschen sich als würdige Vertreter der Selbstorganisationen als Teil der Zivilgesellschaft positionieren.“

Wladimir Grenz gehört selbst zur jungen Generation der russlanddeutschen Elite. Beim letzten Treffen des Diskussionsclubs „Avantgarde“, das Ende Februar 2016 stattfand, wurde er als Experte geladen. Beim ersten Treffen des Clubs, das auf Initiative des IVDK 2010 in Kislowodsk stattfand, war er noch als Teilnehmer dabei.  Damals standen die Formulierung der Ziele und Aufgaben des Projektes noch am Anfang. Man fing an, den Vertretern der gesellschaftlichen Organisationen zu erklären, was der ehemalige Beauftragte der deutschen Bundesregierung für Aussiedlerfragen und ethnische Minderheiten Dr. Christoph Bergner mit seiner Forderung mit der  Herausbildung und Entwicklung einer russlanddeutschen Elite meinte. Nach seiner Rede an der Georg-August-Universität in Göttingen im Dezember 2006 wurde die Unterstützung einer Elite oder Avantgarde, wie man sie entschied zu nennen, eine der Prioritäten in der Hilfspolitik für die deutsche Minderheit in Russland. 2008 präsentierte eine eigens geschaffene Arbeitsgruppe ein Konzept für ein Unterstützungsprogramm und legte fest, dass „zur Avantgarde Führungskräfte und aktive Stellvertreter der Russlanddeutschen mit einem hohen nationalen Selbstverständnis zählen“.

Seit 2009 wurden zahlreiche Veranstaltungen im Rahmen dieses Programms durchgeführt. Der Diskussionsclub „Avantgarde“ war eines der ersten Projekte.
„Ich denke, dass der Club eine wichtige Plattform für die Herausbildung einer neuen Elite ist, die bereit ist, sich und auch andere Dinge zu ändern. Es ist eine Plattform, die Kooperation zwischen Stellvertreten der ethnischen Elite zwischen verschiedenen Kulturgebieten ermöglicht, wo Fragen zur Wahrung der deutschen Ethnie in Russland erörtert werden“, sagt die erste Stellvertretende Leiterin des IVDK, Olga Martens. „Das Format des Diskussionsclubs  ermöglicht uns das Experimentieren. Es kommen herausragende und renommierte Stellvertreter aus Geschäftswelt und Wissenschaft mit jungen, ambitionierten, künstlerischen und gesellschaftlichen Aktivisten zusammen. Wir riefen den Club bewusst als „zwischendisziplinare“ kreative Mitte ins Leben, wo neue spannende Ideen und Projekte geschaffen werden sollten und Probleme aus verschiedenen Blickwinkeln beleuchtet werden sollten.“

Im Diskussionsclub entstanden die Ideen zum Großen Katharinenball, zum Wettbewerb „Russlands herausragende Deutsche“,  das sportlich-kulturelle Projekt „Ball der Freundschaft“, die Aktion „Dem Mutterwort entgegen“ und das geokulturelle Branding der kompakten Siedlungen der Russlanddeutschen und vieles mehr. Diese Projekte geben den Russlanddeutschen das Gefühl sich zwischennational und föderal als eine der Nationen in Russland zu fühlen. 

Rubrik: Eliteförderung/Avantgarde

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