19 Mai 2016

Schweres Schicksal der Sowjetdeutschen


In den Kriegsjahren hatte es die Bevölkerung der Sowjetunion sehr schwer. Die Menschen verloren ihr Hab und Gut und haben ihre Verwandten aus den Augen verloren. Unter diesen harten Umständen konnte man von niemandem Hilfe erwarten, das Elend aber konnte einen jede Minute erwischen.

Unter denen, die unentwegt und mit Hingabe für den gemeinsamen Sieg in den Kriegsjahren gekämpft haben, war die Werktätige Emma Ruf aus dem Dorf Pjatkovo. Wir trafen uns mit ihr am Vortag der Feierlichkeiten zum Tag des Sieges, die dieses Jahr zum 71. Mal stattfanden.

Ruf wohnt schon seit über 70 Jahren in Sibirien. Ihr Elternhaus vor dem Krieg befand sich im Dorf Draischpiz (Kreis Kamyschensk) im Gebiet Wolgograd. Ihre Vorfahren kamen mit 23.000 anderen bereits 1763 in das Dorf.

In den ersten Kriegsjahren wurden die deutschen aus dem Wolgagebiet hinter den Ural deportiert. Die Deutschen waren dem Zorn und den Beleidigungen der einheimischen Bewohner ausgesetzt. Die Russlanddeutschen litten in den Kriegsjahren nicht nur unter der Not, sondern auch unter dem Hass der russischen Einwohner.

„Als wir an der Wolga wohnten, kam die Polizei zu uns. Alle Deutschen aus den verschiedenen Siedlungspunkten wurden auf Ochsen und Pferden weggebracht. Manche wurden auch zu Dampfern gebracht. In den Waggons, in denen Vieh transportiert wurde, brachte man uns nach Sibirien. Das war im September. Dort erwartete uns Regen und Schmutz. Es war sehr kalt, wir pilgerten bis zum Knie in Wasser und Schmutz.

Ich war erst 15, ich musste im Stall arbeiten. Melken durfte man erst ab 18 Jahre. Zum Essen hatten 200 bis 500 Gramm Brot, das schwarz wie die Erde war. Wie wir das mit meiner Schwester überlebten, ist mir bis heute ein Rätsel. Viele dachten wir wären Faschisten aus Deutschland, doch ich würde mein Vaterland nie gegen Deutschland austauschen. Dann verstanden die Einheimischen, dass wir anders, sowjetische Deutsche waren.“

In ihren neuen Wohnort kam Emma nicht alleine, sie hatte ihre anderthalbjährige Schwester bei sich. Weder Vater noch Mutter waren da. Die Mutter saß ihre Strafe im Gefängnis ab. Um nicht dem Hungertod zu erliegen, hatte sie Weizen gestohlen. Für die fünf gestohlenen Kilos bekam sie fünf Jahre – ein Jahr für jedes Kilogramm. Der Vater wurde in die Trudarmee in Sverdlovsk eingezogen und arbeitete dort im Bergwerk. Die Mädchen mussten unter diesen harten Umständen überleben, doch Emma rettete sich und das Leben ihrer Schwester. Keiner konnte an einer hungernden Heranwachsenden und deren kleiner Schwester einfach so vorbeiziehen. Aus tiefstem menschlichen Mitleid half den beiden jeder so wie er nur konnte. „Wir wurden sehr bemitleidet. Sogar die alten Damen  brachten uns einen oder anderthalb Liter Milch. Zuerst wurde ich zur Arbeit nach Tjumen geschickt, wo ich in der Fabrik und somit in der Trudarmee arbeiten musste. Doch wegen meiner Schwester wurde ich zurück in die Kolchose geschickt, um auf dem Bauernhof zu arbeiten.  Nachts trug ich Dünger, im Winter ging ich mit Brechstange und Beil zur Arbeit.  Ich verhandelte mit dem Melkerinnen und sie gaben mir Magermilch. Das gab ich meiner Schwester. Ich wollte nicht stehlen, Mutters Gefängnisstrafe war schon schlimm genug.  Ich erinnere mich, dass den Kühen damals Salzklumpen in die Futterkästen gelegt worden sind. Wenn davon noch Krümel übrig waren, nahmen sie die Melkerinnen. Das war zwar verboten, aber wie soll man ohne Salz leben? Wir kamen hungrig nach Sibirien, da wir nur sehr wenig mitnehmen durften. Das Essen, das wir mitgenommen hatten, wurde noch auf der Reise schlecht.

Wir lebten dort, wo wir mussten. Es wurde eine Baracke für uns errichtet. Dort gab es Wanzen und Kakerlaken. Dort lebten fünf Familien zusammen. Man schlief auf dem Boden und aß am selben Tisch. Manchmal gab es in der Kantine Haferbrühe. Ich aß kaum was und gab alles meiner Schwester ab. Im Sommer ernährten wir uns eigentlich von Lungenkräutern und Brennnesseln.

In den letzten Jahren werde ich oft zu Treffen mit Schülern eingeladen. Doch ich kann nicht darüber sprechen, da mir Tränen kommen. Es war einfach zu hart. Einmal erzählte ich aber vom Schicksal meiner Mutter, die etwas Verbotenes getan hatte, damit wir nicht vor Hunger starben. Damals kam das anscheinend oft vor, die Erwachsenen erzählten mir nicht viel darüber.“

Nach dem Ende des Krieges gab es die Möglichkeit, zurück in die Heimat zu kehren. Doch als die Zeit kam, wurde klar, dass man nirgendwohin zurück konnte. „Nach dem Sieg über die Faschisten fanden wir alle zusammen. Vater und Mutter kehrten zurück. Nach einigen obligatorischen Behördengängen konnten wir an die Wolga zurückkehren. Das Haus meiner Verwandtschaft blieb ganz, unseres ist aber vollkommen abgebrannt. Vieles wurde komplett niedergebrannt, sogar die Kreuze auf Friedhöfen. Dort roch es nach Tod.“

Nach Kriegsende heiratete Emma Ruf. Ihr Ehemann hatte eine große Familie, war Pferdewärter und lebte sehr arm. Er starb als ihre Kinder noch klein waren, somit  musste sich Emma Ruf alleine um ihre Familie kümmern. Sie hat ihr Leben lang so viel gearbeitet, dass sie bis heute nicht aufhören kann. Wenn man ihr perfekt aufgeräumtes Zuhause betrachtet, versteht man, warum Katharina II. die Deutschen nach Russland eingeladen hat. Sie sind sehr tüchtig und akkurat.

Im September wird Emma Ruf 90 Jahre alt und für ihr Alter ist sie sehr fit und aktiv. Sie backt selbst, arbeitet im Garden und versucht, so gut wie möglich für sich selbst zu sorgen. „Die Erde verarbeite ich selbst, 2-3 Eimer Kartoffeln kann ich selbst einsetzen, dann reicht es mir. Solange ich lebe, möchte ich meine eigenen Kartoffeln essen.“

Lesen Sie hier den Artikel auf Russisch. 

Rubrik: Wissenswertes

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