12 Juli 2016

Bundesbeauftragter Koschyk im Interview


Anlässlich des 25-jährigen Jubiläums des Internationalen Verbands der deutschen Kultur gab der Bundesbeauftragte der deutschen Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten Hartmut Koschyk der Moskauer Deutschen Zeitung ein Interview. RusDeutsch veröffentlicht die vollständige Version des Interviews.

Herr Koschyk, wie schätzen Sie die Ergebnisse der 21. Sitzung der Deutsch-Russischen Regierungskommission für die Angelegenheiten der Russlanddeutschen, die Ende Mai 2016 in Omsk stattfand, ein?

Die erfolgreiche Sitzung der deutsch-russischen Regierungskommission für die Angelegenheiten der Russlanddeutschen hat vor allem dokumentiert, dass die Zeit der Sprachlosigkeit vorbei ist. Wir reden nicht mehr nur auf Arbeitsebene, sondern wir reden auch auf hoher politischer Ebene. Das Protokoll der 21. Sitzung hat gezeigt, dass wir uns auch auf gemeinsame Ziele verständigen können. Das war vor allem ein Signal an die Russlanddeutschen, dass sie unter den angespannten deutsch-russischen Beziehungen nicht leiden müssen, sondern dass wir trotzdem auch auf hoher politische Ebene, wenn es um die Angelegenheiten der Russlanddeutschen geht, in einem guten konstruktiven Gespräch sind. Das hat Omsk deutlich gemacht und wir haben das gut vorbereitet. Omsk war sicher auch ein wichtiges Signal auf dem Weg zur neuen Grundlage unserer Zusammenarbeit in Form eines deutsch-russischen Abkommens. Wir haben die Gespräche darüber schon letztes Jahr im Dezember begonnen, als ich Herrn Barinow nach Berlin eingeladen hatte und wir wollen sie im zweiten Halbjahr fortsetzen.

Die deutsch-russischen Verhandlungen über die Neufassung des Grundlagendokuments der Regierungskommission laufen seit Jahren. Warum so lange?

Die Gespräche über das neue Protokoll haben vor der letzten Bundestagswahl begonnen. Das hat es schon eine gewisse Zeit gedauert bis in Deutschland eine neue Regierung gebildet wurde und deshalb hat schon allein die Zeit der Wahlen in Deutschland dazu geführt, dass die Verhandlungen für eine gewisse Zeit unterbrochen worden sind. Dann hat es viele Veränderungen auf russischer Seite gegeben. Die Zuständigkeiten haben mehrfach gewechselt – vom früheren Regionalministerium ans Kulturministerium, dann vom Kulturministerium an die neu gegründete Föderale Agentur für Nationalitätenfragen. Dann hatten wir auch auf Grund der Spannungen zwischen Russland und Ukraine und der Krimfrage eine Abkühlung unserer bilateralen Beziehungen. Insofern hat es verschiedene Faktoren gegeben. Wir haben trotzdem auf Arbeitsebene immer miteinander gesprochen. Wir haben auf politischer Ebene gesprochen. Herr Schurawskij, der vorher Verantwortlicher war, als Abteilungsleiter im Regionalministerium, später im Kulturministerium, war in meinem Büro in Berlin. Ich war in Moskau, als Herr Schurawskij stellvertretender Kulturminister wurde, und habe mit ihm ein langes Gespräch geführt. Der Gesprächsfaden ist nicht abgerissen, aber die Zuständigkeiten haben gewechselt. Jetzt haben Herr Barinow und ich vereinbart, dass wir die Gespräche – was sind die russischen Wünsche für ein solches Abkommen, was ist die deutsche Position – weiter intensivieren.

Gibt es Fortschritte in diesen Gesprächen, über die wir berichten können?

Am Schluss geht es immer darum, dass es ein Gesamtkonzept gibt und deshalb glaube ich, wir brauchen ein wenig Ruhe, Abgeschiedenheit, bis wir hoffentlich zu einem guten Ergebnis kommen.

Es wurde sehr viel seitens Deutschlands in den Deutschen Nationalrayon Asowo investiert. Was denken Sie nun: Ist das Geld der deutschen Steuerzahler gut angelegt?

Wir konnten uns beim Besuch im Nationalrayon Asowo davon überzeugen, dass diese besondere Einrichtung funktioniert. Man hat überall von staatlicher Seite, dem örtlichen Landrat und seiner Verwaltung, sehr viel Engagement, sehr viel guten Willen gespürt. Besonders beim Besuch des eindrucksvollen bilingualen Kindergartens in Asowo haben wir gemerkt, dass sich die lokalen Behörden im Nationalrayon gemeinsam mit den Verantwortlichen der Russlanddeutschen darum bemühen, dass dieser Rayon sich weiter gut entwickelt. Selbstverständlich werden wir im Zuge der Gespräche über eine Fortentwicklung der Grundlage unserer Zusammenarbeit eine Novellierung eines deutsch-russischen Abkommens auch und besonders über die beiden Nationalrayons zu sprechen haben, weil sie ein ganz wichtiger Baustein der Identitätswahrung und der Strukturen für die Zukunft der Russlanddeutschen in der Russischen Föderation sind. Dazu gehören natürlich auch die Deutsch-Russischen Häuser. Die Einweihung des Deutsch-Russischen Hauses in Omsk ist ein Musterbeispiel dafür, was man erreichen kann, wenn es vor Ort eine gute Struktur der Russlanddeutschen gibt, wenn es vor Ort einen aufgeschlossenen engagierten Gouverneur wie Herr Nasarow gibt, der das Haus den Russlanddeutschen für 45 Jahre unentgeltlich überlassen hat. Wir haben gern von deutscher Seite die Innenausstattung und die Renovierung des Hauses unterstützt. Jetzt ist das ein modernes Begegnungszentrum in einer wunderbaren Lage in Omsk. Man will auch noch das Umfeld entwickeln, den Vorplatz gestalten, so dass man nicht nur im Haus selber, sondern auch auf dem Vorplatz viele Veranstaltungsmöglichkeiten hat. Es ist ein Haus, das sich nicht nur um Begegnung, Kultur und Sprache, sondern auch um die Kooperation der Wirtschaft kümmern soll.

In Omsk ist mir auch deutlich geworden, dass es auch eine wissenschaftliche Komponente unserer Zusammenarbeit geben kann. Wir haben dort einen sehr engagierten Leiter des Regionalmuseums Herrn Prof. Wiebe getroffen, der selbst Russlanddeutscher ist. An vielen Stellen wird in diesem Museum sehr demonstrativ und offensiv an die deutsche Prägung der 300-jährigen Geschichte von Omsk erinnert. Was mich als großer Bewunderer von Alexander von Humboldt besonders gefreut hat, dass man auch in diesem Historischen Museum sowie im Deutsch-Russischen Haus daran erinnert hat, dass Alexander von Humboldt 1829 während seiner großen Russland- und Sibirienreise auch in Omsk war. Die Reise war ein großes Ereignis damaliger Zeit. Humboldt selber hat sehr intensiv jede Phase dieser Reise durchgehalten und das ist auch ein Beleg dafür, wie sich eine Geistesgröße Deutschlands, der Vordenker für Deutschlands Rolle in einer globalen Welt war, intensive Gedanken über die deutsch-russische Zusammenarbeit schon damals gemacht hat. Das sind Dimensionen, wo ich mich sehr gefreut habe, dass sie in einer Stadt wie Omsk vielfältig deutlich werden. Ich war auch in einer schönen Bildergalerie, in einem sehr schönen Kunstmuseum in Omsk, wo Katharina die Große und Friedrich der Große dargestellt sind. Also, man geht ganz unbefangen mit dieser Geschichte um und das zeigt, dass wir doch eine gute, geistlich gute Grundlage für unsere Zusammenarbeit haben.

Kann die Selbstorganisation der Russlanddeutschen einst auf eigenen Füßen stehen, wie zum Beispiel die Strukturen der Deutschen in Argentinien? Wie kommt man zu solch einer Selbstständigkeit?

Die Geschichte der Deutschen in Argentinien ist immer wieder von Brüchen gekennzeichnet. Ein ganz großer Einschnitt war die Zeit des Nationalsozialismus. Aber sie hat doch eine lange Tradition und sie ist nicht von einem solchen Einbruch gekennzeichnet wie dem Zweiten Weltkrieg, dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion, der Leidenszeit der Deutschen und anderer Minderheiten schon in der Zwischenkriegszeit nach der Russischen Revolution, dann natürlich auch der Reaktion auf den deutschen Überfall die Zerschlagung der Wolgadeutschen Republik und der anderen Strukturen, Deportation, all das harte Schicksal, das die Russlanddeutschen, obwohl sie nie mit dem nationalsozialistischen Deutschlands in irgendeiner Form kollaboriert hatten, erleidet mussten – diese Brüche sind bei den Deutschen in Argentinien in dieser Form nicht gegeben. Die deutsche Minderheit in Argentinien fühlt sich dort nicht wie eine Minderheit, sondern sie fühlt sich in einem Einwanderungsland vieler europäischen Einwanderer – Italiener, Franzosen – wie Bürger des Landes mit deutschen Wurzeln. Die Einwanderung der Deutschen in Argentinien hat dazu geführt, dass sie Strukturen entwickeln konnten vor allem im Bereich Sport, Wirtschaft, Medizin. Aber ich entdecke schon, wenn ich die 25jährige Geschichte des IVDK betrachte – ich habe seine Anfänge erlebt –, muss ich dem IVDK ein großes Kompliment machen. Es gibt wirklich in allen Landesteilen Russischer Föderation gut organisierte Strukturen mit über 500 Hundert Begegnungszentren, mit vielen kulturellen, sprachlichen Initiativen, mit vielen Gruppierungen von Kunst, Kultur bis hin zu Wirtschaft. Von daher glaube ich, der IVDK ist auf dem guten Weg. Was er jetzt braucht ist verlässliche Rahmenbedingungen. Nach allen intensiven Begegnungen mit Herrn Minister Barinow, habe ich den festen Eindruck gewonnen, dass er einen persönlichen Beitrag dazu leisten möchte, dass wir diese Rahmenbedingungen stabilisieren und ein wenig unabhängig machen von Stimmungsschwankungen in den deutsch-russischen Beziehungen. Und darauf kommt es an. Und dazu will ich meinen Beitrag leisten.

Bei der Sitzung in Omsk wurde über die Unterstützung der wirtschaftlichen Entwicklung der Russlanddeutschen gesprochen. Was für eine Art der Unterstützung ist gemeint?

Was wir heute machen können ist, wenn es gute Überlegungen von Unternehmern aus russlanddeutschem Bereich gibt, sie mit Unternehmern aus Deutschland in Kontakt zu bringen. Es ist das Wichtigste. Zum Beispiel habe ich mit Herrn Barinow und Herrn Nasarow besprochen, dass wir im nächsten Jahr eine der politischen Stiftungen aus Deutschland, die in der Russischen Föderation aktiv ist, ein Kooperationsseminar im Deutsch-Russischen Haus in Omsk machen. Und ich habe mich sehr gefreut, von den Verantwortlichen der Hanns-Seidel-Stiftung nicht nur in Moskau, sondern auch in München eine positive Reaktion zu hören, deshalb wollen wir nächstes Jahr im Deutsch-Russischen Haus in Omsk eine Kooperationsveranstaltung mit der Hanns-Seidel-Stiftung durchführen. Experten aus Bayern sollen zu solch einer Kooperationsveranstaltung kommen. Heute haben mir Vertreter des russlanddeutschen Unternehmerverbandes ein Konzept übergeben, wie man im Bereich der Landwirtschaft im Altai stärker auf die genossenschaftlichen Strukturen setzen will. Wir haben in Deutschland gerade im Bereich des Genossenschaftswesens in Landwirtschaft, erneuerbare Energien sehr positive Erfahrungen und deshalb werde ich mich sehr genau jetzt diese Unterlagen angucken und versuchen, diese Ideen, die sie tragen, mit Leben zu erfüllen und mit Leuten, die in Deutschland gute Erfahrungen in Genossenschaftswesen haben, zusammen zu bringen.

Die nächste Sitzung der deutsch-russischen Regierungskommission findet in Ihrer Heimat statt. Was halten Sie von der Idee parallel dazu das 2. Geschäftsforum der Russlanddeutschen da durchzuführen?

Ich habe vorgeschlagen, dass die nächste Sitzung in meiner Heimat on Oberfranken stattfindet, und die Idee, dort ein Wirtschaftsforum parallel durchzuführen, will ich gerne unterstützen. Ich bin sicher, dass die Wirtschaft in meiner Heimatregion dafür sehr aufgeschlossen ist.

 

 

Rubrik: Wissenswertes

NACHRICHTEN
ARCHIV