15 August 2016

Das wunderbare Halbstadt

- Olga Silantieva -


Der Deutsche Nationalrayon, wiederaufgebaut während des Unterganges der UdSSR, wurde der erste deutsche Rayon im zeitgenössischen Russland. Es wurden auch andere örtliche Vereinigungen geplant, in denen Deutsche kompakt wohnen sollten. Aber nicht alle Träume der Umbruchzeit gingen in Erfüllung und gerade deswegen ist das 25. Jubiläum des Rayon im Altai ein besonderes Ereignis für die Deutschen.

Es war die Zeit, als die Deutschen die UdSSR verlassen haben. In den Kulundaer Steppen, wo Deutsche schon seit Anfang des 20. Jahrhunderts zu Hause waren, hatten fast alle Abkömmlinge der deutschen Kolonisten einen Aufnahmebescheid aus Deutschland. Um der Bevölkerung Perspektiven in Russland sowie Möglichkeiten zum Erhalt der einzigartigen Kultur der Russlanddeutschen zu zeigen, wurde entschieden, den Deutschen Nationaler Rayon aufzubauen.

Am Anfang der glorreichen Taten

Im April 1991 besuchte Grigorij Klassen den Rayon. Heute ist er Vorsitzender des interregionalen Rates der Deutschen in Westsibirien und damals Leiter des exekutiven Komitees der Region Altai im Bereich der Bildung. Als er im Gebiet ankam, sah er folgenden Situation: 80% der Bevölkerung, die auf dem Gebiet des ehemaligen deutschen Rayons (existierte 1927 bis 1938) wohnte, war bereit nach Deutschland umzuziehen und befürchten, dass wenn jetzt wieder ein Deutscher Rayon gegründet wird, ihnen die Ausreise untersagt wird. Die Vorsitzenden der Kolchosen (damals alles Kolchosen mit Millionenumsatz) befürchteten, dass man dann einiges im Rahmen der Reorganisation verlieren würde. Die Aufklärungsarbeit fruchtete und die Mehrzahl der Bevölkerung von 16 Dörfern, die zu dem wiederhergestellten Rayon zugehören sollte, stimmte zu.

Zu der Zeit wohnten in den Dörfern etwa 21.000 Menschen, 18.000 davon waren Deutsche. Mit Erlass des Obersten Sowjets der RSFSR vom 1. Juni 1991 wurde der Deutsche Nationale Rayon wiedergegründet. Verwaltungszentrum wurde das Dorf Nekrasovo, das seinen Ursprungsnamen Halbstadt wieder erhielt.

„Gut, dass wir das gemacht haben -  sagte Grigorij Klassen in seinem letzten Interview der Zeitung des Rayons „Neue Zeit“. –Ja, es hat sich viel verändert. 80 % der damaligen deutschstämmigen Bevölkerung ist nach Deutschland ausgereist. Es sind andere Leute gekommen, die einheimische Bevölkerung wurde aufgemischt, aber es ist gelungen, die Traditionen der Einheimischen zur erhalten. Aus dem gottverlassenen Nekrasovo wurde ein wunderschönes Halbstadt aufgebaut.“

Während der Jubiläumstage des Deutschen Nationalen Rayons Ende Juli zeigte der Sender „Rossija 24“ in der Hauptsendezeit eine spezielle Reportage von Alexej Simachin „Deutsche Sloboda“. Der Film erzählte davon, wie in der Kulundaersteppe die Traditionen erhalten geblieben sind und das diese ein Bestandteil des heutigen Lebens des Rayons sind.

„Das ist Zwieback, und das Rhabarberkonfitüre und das sind Teigtaschen mit Rhabarber,- im ersten Bild erklärt die Einwohnerin des Rayons Julia Heidebrecht dem Reporter, der bei dem Fest „ Bauernfest“ dabei war. Sie spricht Deutsch – es wird in Russisch übersetzt.

Die Marke „Made im DNR“                       

Zusammen mit Julia backt Peter Heidelbrecht traditionelle deutsche Brötchen in einem alten Straßenofen und erzählt: „Warum er so lang ist? Im Inneren sind die Bleche sehr lang und da haben sieben Brote Platz. Das Brot ist groß. Die Familien auch – bis zu 14 Kinder. Und für jeden Tag braucht man ein Brot. Man hat oft samstags Brot gebacken.“ Sein Bericht wird ebenfalls übersetzt.

Klar, das Brot wird in so einem Ofen nur an besonderen Tagen gebacken. Und es gibt auch nicht viele Familien mit 14 Kindern (obwohl es solche Familien im Rayon gibt). Nichts desto trotz ist der Deutsche Nationale Rayon fast der einzige in der Region Altai, in dem jährlichein Bevölkerungswachstum  festzustellen ist. Und die alten Öfen und vieles andere, wodurch sich dieser Rayon von anderen unterscheidet, sind eine bestimmte Sehenswürdigkeit für viele Touristen. Natürlich für die, die den Weg in das entferne Halbstadt gefunden haben: aus Novosibirsk – 350 km, aus Barnaul – 430 km.

„Wir haben besondere Eigenschaften, die wir allen zeigen, die zu uns kommen", sagt der Leiter der Verwaltung Eduard Winter. "Umso mehr da das russische Gesetz über die allgemeine Grundsätze der Selbstorganisation es vorsieht diese unter Berücksichtigung der historischen Traditionen durchzuführen. Es müssen nur noch die örtlichen Geschäftsleute verstehen, dass der Tourismus eine gute Perspektive hat.“

Während der Tourismus auf seine Stunde wartet, setzt man in der Region traditionell auf Landwirtschaft, vor allem Viehzucht. Die eigentliche Marke des Rayons ist die Herstellung von Wurst, Käse, Butter, die von der „Brücke GmbH" erstellt werden. Schon jetzt gibt es Betriebe, die erste Erfolge vorweisen.

Klar, gibt es auch Probleme. Wie überall auf dem Lande. Mal ist es der trockene Sommer, mal die unehrliche Konkurrenz, manchmal liegt es an den fehlenden Investitionen… Die Anfang der 90er mit Unterstützung Deutschlands aufgebaute Infrastruktur bedarf einer Renovierung.

Aber es gibt hier Menschen, die ihre kleine Heimat lieben, es gibt Deutsche, die die Traditionen bewahren und die Fähigkeiten der Vorfahren besitzen, aus einer Wildnis eine Oase herzurichten. Deshalb besteht die Hoffnung, das der Deutsche Nationalrayon sich weiter entwickeln wird.

 

Fragen der örtlichen Politik

Bei dem Treffen der deutsch-russischen Regierungskommission zu Angelegenheiten der Russlanddeutsche, das im Mai in Omsk stattgefunden hat, wurde neben über den Nationalrayons im Altai, noch über den Nationalen Rayon Asowo gesprochen. Der Beauftragte der Bundesregierung für Aussiedlerfragen und nationale Minderheiten, Hartmut Koschyk hat in seinem Interview mit der MDZ folgendes gesagt: „ Man muss das, was gut funktioniert, nicht extra besprechen“.

Dies bedeutet aber nicht, dass der Rayon kein Thema mehr für die Regierungen der beiden Länder ist. „Die Gründung des Rayons in der Region Altai 1991, da wo Russlanddeutsche kompakt wohnen, gab die Möglichkeit Mittel und Anstrengungen zu konzentrieren und somit zur Erhaltung und Entwicklung der Sprache, Kultur und Traditionen des deutschen Volkes beizutragen", so die Meinung des Vorsitzenden des Internationalen Verbandes der Deutschen Kultur Heinrich Martens. "Heute zählen die zwei Rayons zu einzigartigen Inseln der deutschen Kultur, deren Bedeutung von der russischen sowie deutschen Regierungen, sowie sozialen Strukturen anerkannt wurde.“

Halbstadt in Zahlen

Der Deutsche Nationalrayon in der Region Altai besteht aus 16 Dörfern, vier davon sind Kleindörfer. Die Bevölkerung zählt 17.000 Einwohner, jeder vierte davon ist ein Deutscher. Im Rayon ist die soziale Infrastruktur sehr entwickelt: 13 Schulen, 12 Kindergärten, eine Berufsschule, und eine Filiale der Altaier Technischen Universität, 12 Kulturhäuser und 3 Dorfhäuser, 12 Dorfbibliotheken, genau so viele Zentren der Deutschen Kultur und Sporthallen, Kinderkunstschule mit Außenstellen, überörtliches Museum der Geschichte des Rayons, sowie sechs historische Heimatkundemuseen in verschiedenen Dörfern. Alle Kinder lernen intensiv Deutsch, schon im Kindergarten.

Rubrik: Nachrichten aus den Regionen

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