31 August 2016

„Von Hunden getrieben“: 75. Jahrestag der Deportation

- Kai Wichelmann -


In der Deutschen Allgemeinen Zeitung erschien ein Artikel zum 75. Jahrestag der Deportation.

Deportationen von Einzelpersonen oder ganzen Bevölkerungsgruppen gehören seit jeher zu den dunklen Kapiteln der Menschheitsgeschichte. Die Zwangsumsiedlung, Verfolgung und systematische Vernichtung der Juden durch Hitlerdeutschland zeigte, wie raumgreifend drastische Maßnahmen wirken können, wenn ideologischer Fanatismus zum Kern des Handelns wird. Doch auch deutschstämmige Menschen waren von Deportationen nach Sibirien und Kasachstan betroffen. Am 28. August jährt sich dieses Ereignis zum 75. Mal. Doch wie kam es dazu?

Der 2. Weltkrieg war das Ereignis im Weltgeschehen, das die Unmenschlichkeit des Faschismus in bisher ungekanntem Ausmaß offenlegte. Rassistische Ressentiments keimten in ganz Europa auf, bedingt durch eine lange Periode des Militarismus, der Konformität und mangelndem Demokratieverständnis. In Deutschland prallten wirtschaftliche Unsicherheit auf die Nazi-Diktatur, ein Nährboden für Hass gegen Minderheiten als scheinbar plausible Erklärung gegen Existenznot. Juden fielen den Notstandsgesetzen und der sich nach 1933 immer weiter verschärfenden Einschränkung demokratischer Grundrechte zum Opfer. Die Nazi-Ideologie, deren Kern die Ausrottung ethnischer Gruppen einerseits sowie die Schaffung eines neuen Lebensraumes war, entpuppte sich endgültig als Gefahr für politische Stabilität, als Adolf Hitler der Welt den Krieg erklärte. Nach einem Blitzkrieg gegen Polen, bei dem die Sowjetunion zunächst noch Koalitionspartner war, sollte eine weitere Ausweitung des Lebensraums im Osten erfolgen. Der Angriffskrieg gegen die Sowjetunion, welcher unter dem Decknamen „Mission Barbarossa“ von langer Hand vorbereitet worden war, wurde am 22. Juni 1941 deklariert und gehörte zu den folgeschwersten Episoden der Kriegsgeschichte.

Russlanddeutsche unter GeneralverdachKarte, die die Deportationswege verschiedener Minderheiten zeigt, darunter auch die der Wolgadeutschen, deren Deportation 1941 begann. | Bild: Boris Clevert

Josef Stalin war der Diktator der Gegenseite, seit 1927 absoluter Alleinherrscher der Sowjetunion – und auch er denunzierte sein eigenes Volk mit den Mitteln autoritärer Herrschaftsregimes: Verfolgung, Unterdrückung, Überwachung. Der Krieg führte zunächst zu Erfolgen auf deutscher Seite, erst 1942 sollte sich in der Schlacht von Stalingrad das Blatt wenden. Auch um eine öffentliche Begründung für die Misserfolge der Roten Armee beim Zurückschlagen der Deutschen zu haben, wurden erste Evakuierungsmaßnahmen gegen Russlanddeutsche in der Sowjetunion ab August 1941 eingeleitet. Vor allem auch, um eine mögliche Kollaboration der Russlanddeutschen mit Nazi-Deutschland zu verhindern.

Rund 800.000 Russlanddeutsche wurden im Zuge des Krieges zwangsweise nach Kasachstan oder Sibirien deportiert. Dort wurden oftmals Arbeitslager errichtet. Neben dem Verlust der eigenen Identität (und damit einhergehenden unmittelbaren psychologischen Nebenwirkungen) durch die Zwangsumsiedlung waren auch körperliche Gebrechen und Todesfälle nicht selten Konsequenzen der inhumanen Deportationen. 

Der Stalinsche Erlass über die Deportation der Russlanddeutschen trat am 28. August 1941 in Kraft. Im Hier und Jetzt gerät dieses Kapitel des vergangenen Jahrhunderts oftmals in Vergessenheit. Deshalb erinnern Personen des öffentlichen Lebens immer wieder an die Deportationsjahre. Die ehemalige Staatssekretärin beim Ministerium für Arbeit, Integration und Soziales, Zülfiye Kaykin (SPD), sagte anlässlich der Feierlichkeiten zum 70. Jahrestag der Deportation der Russlanddeutschen, dass sie „in vielen Gesprächen mit Zeitzeugen (…) einen oft erschütternden Einblick in dieses dunkle Kapitel erhalten (habe).“ Weiter geht darum, Zeichen zu setzen dafür, „dass Vertreibung, Deportation und Zwangsarbeit geächtet werden müssen“. Der Autor Emil Bidlingmeier hat in seinem „Ahnenbuch von Katharinenfeld in Kaukasus“, Interviews und Erlebnisberichte mit Zeitzeugen zusammengestellt, die sehr dichte und ergreifende Eindrücke zu Tage bringen: „Ich kam in das Lager Iwdel-Lag im Ural. Die letzten hundert Kilometer wurden wir mit Hunden zu Fuß durch den Wald getrieben. Dort war tiefer, tiefer Schnee und sonst nichts. Das Lager war leer, als wir ankamen (…).  

Wenn wir von der Arbeit gekommen sind, war die ganze Kleidung nass und gefroren. Es gab eine Kammer, in der die Sachen trocknen sollten. Aber manches Mal hat das nicht geklappt. Und man hat es nass wieder angezogen und raus in die Kälte. Anfangs hatte man noch ein bisschen Kraft von zu Hause. Dann sind die Leute immer schwächer und schwächer geworden, bis sie kaum noch laufen konnten“, schildert ein anonymer Zeitzeuge. Ab September 1941 wurden viele Russlanddeutsche aus der Roten Armee abgezogen und zunächst in Bautrupps versetzt, vielfach allerdings auch erschossen. Die Überlebenden wurden zur Arbeitsarmee eingezogen bzw. in Arbeitslager in Kasachstan oder Sibirien versetzt. Die Grundlage für ein würdevolles Leben in Kasachstan war de facto nicht gegeben. 

Zwischen den Jahren 1929-1933 hatte Kasachstan mit erheblichen Bevölkerungseinbußen zu kämpfen. Durch Josef Stalin verordnete Zwangskollektivierungsmaßnahmen führten dazu, dass nomadisch lebenden Hirten die Lebensweise genommen wurde. Rund zwei Millionen Menschen verhungerten, eine Million Menschen verließ das Land. Für die neu ankommenden Russlanddeutschen war die Situation erschwert. 

Die „Zwangsansiedlung“ der mit Viehtransportern hingebrachten Menschen war nur durch die Mithilfe der Einheimischen möglich. Vielfach starben die Menschen aber an Hungersnot; sie schufteten auch bis an den Rand der Erschöpfung bei dem Bau von Eisenbahnlinien oder in der Ölförderung. Erst mit Josef Stalins Tod im Jahre 1953 begann eine langsame Liberalisierung der Situation der Russlanddeutschen. Dazu führte auch der Regierungsbeschluss „Über die Aufhebung einiger Einschränkungen in der Rechtsstellung der Sondersiedler“. Vollständige Reisefreiheit und eine Zusammenführung entzweiter Familien fand allerdings erst in den späteren 50er Jahren statt. 

Durch die historischen Erfahrungen mit Deportationen und Zwangsumsiedlungen sagt man Russlanddeutschen allgemeinhin einen besonders zähen Charakter nach. Dieser Meinung ist auch Valentina Sommer, die in ihrem Buch „Das Schicksal“ die Deportationserfahrungen der Russlanddeutschen anschaulich und faktenorientiert 
schildert.

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