02 September 2016

Der letzte Sommer von Mariental an der Wolga

Sowjetskoje in der Region Saratow: So sieht das frühere Mariental heute aus.
Foto:
Tino Künzel

Frieda Dercho war sechs Jahre alt, als die Sowjetführung in Moskau erklärte, dass den Wolgadeutschen, von denen auch sie eine ist, nicht zu trauen sei. Sie hätten „Abertausende Diversanten und Spione“ in ihrer Mitte nicht gemeldet und müssten, um Gefahr abzuwenden, umgesiedelt werden, hieß es in einem Erlass vom 28. August 1941. Dercho kam mit ihrer Familie in den Altai und sah ihr Dorf Marien­tal erst nach dem Ende der Sowjetunion wieder. 75 Jahre nach der Deportation blickt sie für die MDZ zurück.

Frau Dercho, Sie leben heute in Deutschland und sind Vorsitzende der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland in Osnabrück. Was ist Ihnen aus jenem Sommer 1941 im Gedächtnis geblieben, als das Präsidium des Obersten Sowjets am 28. August die Deporta­tion der Wolgadeutschen nach Sibirien und Kasachstan beschloss?

Ich erinnere mich, dass die Getreideernte besonders reich ausfiel und mein Vater, der als Mechaniker in der Kolchose Nummer  3 „Oktoberrevolution“ arbeitete, schon um vier Uhr morgens auf dem Feld war. Wir Kinder haben Beeren gesammelt und im Großen Karaman gebadet, der damals noch ein richtiger Fluss war und keine solche Pfütze wie heute. In Sichtweite standen Kamele, die als Nutztiere gebraucht wurden, zu denen wir aber Abstand halten sollten.

Wie hat die Nachricht von der Räumung der wolgadeutschen Autonomie Ihr Dorf Mariental erreicht?

Als wir draußen auf dem Feld waren, ist ein Mann aus unserem Dorf ganz aufgeregt mit dem Fahrrad angekommen und hat mit der Zeitung gewedelt. So haben wir von dem Erlass erfahren. Da war das Wehklagen groß. Die Männer haben trotzdem die Feldarbeit zu Ende gebracht, wie sich das gehörte. Bis zum Abend waren dann schon Soldaten angerückt. Und die Einheimischen haben in einem großen Kreis gebetet, dass unser Abschied von Mariental nur ein vorübergehender sein möge.

Die Sowjetmacht war zu diesem Zeitpunkt längst gegen die Religion als „Opium des Volkes“ vorgegangen. Sind Sie wirklich sicher, dass in Mariental gebetet wurde?

Auch unsere Kirche war seit den 30er Jahren kein Gotteshaus mehr. Manchmal nahmen mich die Älteren mit, wenn man dort Filme zeigte. Aber heimlich wurde trotzdem gebetet und sogar getauft. Wir haben auch vor dem Abendessen ein Gebet gesprochen. Die Generation unserer Eltern war um das Jahr 1900 geboren und mit dem Glauben aufgewachsen. Der ließ sich nicht einfach abschaffen.

Was haben Sie von den Erwachsenen gehört, wann man wieder zu Hause zu sein hoffte?

Nach dem Krieg. Es blieb ja alles wohlgeordnet zurück. Man hat noch nicht einmal die Häuser verschlossen. Als ich meinen Vater gefragt habe, ob ich unsere Katze namens Schuh mit auf die Reise nehmen dürfte, da hat er mir geantwortet: „Die muss hier Mäuse fangen und die Lebensmittel bewachen.“

Ihre letzten Eindrücke von Mariental?

Am 8. September 1941 sind wir in einer langen Reihe von Fuhrwerken zum Bahnhof aufgebrochen. Am Friedhof hat die Kolonne noch einmal angehalten. Die Menschen sind abgestiegen, haben sich von ihren Vorfahren verabschiedet, sich bekreuzigt, geweint. Das war die schwerste Stunde, so etwas vergisst man sein ganzes Leben nicht.

Wussten Sie, wohin es nun gehen sollte?

Nein. Wir waren drei Wochen in Viehwaggons unterwegs, bis unsere Familien auf Dörfer in der Altai-Region verteilt wurden. Dort bin ich dann zur Schule gegangen, habe schnell Russisch gelernt. Bis dahin sprachen wir ja nur Deutsch. Nach der Schule bin ich Lehrerin geworden, 1964 mit meinem Mann nach Krasnojarsk gezogen und 1990, als sich die Hoffnungen auf eine Wiederherstellung der deutschen Wolgaautonomie zerschlugen, nach Deutschland übersiedelt.

Kürzlich waren Sie Ehrengast bei der 250-Jahr-Feier von Sowjetskoje, wie Mariental heute heißt.

Das war bereits mein siebenter Besuch dort. Beim ersten, 1997, hat man mich noch relativ feindselig empfangen. Doch inzwischen ist da eine Brücke der Freundschaft entstanden. Ich sage immer: Mein Volk hat keine Schuld an dem, was passiert ist, und euer Volk auch nicht. Die einfachen Leute verstehen sich immer. Nur die Politik spielt oft ein falsches Spiel.

Wie viel Mariental ist in Sowjetskoje erhalten geblieben?

Mariental war ein schönes Dorf. Wenn man sich anschaut, was daraus geworden und wie viel verfallen ist, das tut oft weh. Was ich in den letzten Jahrzehnten mit eigenen Augen sehen konnte, ist der Zustand auch immer schlechter geworden. Aber jetzt hat der Ort eine Bürgermeisterin, die sehr engagiert ist. Ich hoffe, dass sie etwas erreichen kann.

 

Dieser Artikel erschien in der Moskauer Deutschen Zeitung

Rubrik: Wissenswertes

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