Rosa Pflug verstorben – Nachruf auf eine feinfühlige Dichterin

20 September 2016

- Nina Paulsen -


„Ihre leise Stimme ist reich an Herzensgüte und Aufrichtigkeit. Ihre Seele ist zartfühlend gutmütig und voll Schaffenskraft. Sie lebt in der Poesie und für die Poesie. Ihre Kunst ist klar, offen, vertraut und bescheiden“, schrieb der Literaturkritiker und Schriftsteller Herold Belger (1934-2015) über die Dichtkunst Rosa Pflug. Diese feinfühlige Stimme ist jetzt verstummt. Als eine der letzten Vertreter der älteren Nachkriegsgeneration russlanddeutscher Autoren ist Rosa Pflug – Lyrikerin, Übersetzerin und Prosaschriftstellerin – am 10. März 2016 in Berlin verstorben.

Sie wurde am 19.1.1919 im Dorf Antonowka, Gebiet Saratow, geboren. 1935 beendete sie die Landschule, unterrichtete anschließend und begann gleichzeitig ein Studium am Pädagogischen Technikum in Marxstadt.

Rosas Vater, Mitbegründer der ersten Kolchose in Antonowka, wurde in den 1930er verhaftet und kehrte nie wieder zurück. Als Tochter eines „Volksfeindes“ wurde sie der Lehranstalt verwiesen und musste auf dem Feld arbeiten. Als etwas später dringend nach einer Lehrerin gesucht wurde, durfte Rosa Pflug doch noch in den Schulbetrieb. 1941 absolvierte sie das Marxstädter Technikum im Fernstudium.

Im Zuge der Deportation der Wolgadeutschen wurde Pflug mit ihrer Mutter und Geschwistern nach Kasachstan deportiert. Während die Mutter mit den beiden jüngsten Kindern allein im kasachischen Jermak zurück blieb, musste Rosa, ihre vier Schwestern (Agnes, Ella, Katja und Ida) und der Bruder Johannes in die Trudarmee im Gebiet Archangelsk, jahrelang schufteten sie im kalten Norden im täglichen Kampf gegen Hunger und Kälte.

Das Archangelsker Papier-Bauwerk, ein riesiger Bauplatz in einer kleinen Siedlung an der nördlichen Dwina mitten im Wald mit hölzernen Laufstegen über den Sumpf, war der Einsatzort. Die deportierten Deutschen waren Holzfäller, Lastträger, Bauarbeiter, Betonleger, Stuckarbeiter, Maler, Zimmerleute und Dachdecker. Um zu überleben, sammelten sie Beeren und Pilze, Brennnesseln und Sauerampfer, auch Tannennadeln, um sich vor Skorbut zu schützen. Sie legten eine Nebenwirtschaft an und wurden Gemüsebauer im Norden. In zahlreichen Gedichten thematisiert Rosa Pflug diese Zeit, voller Entbehrungen, Todesangst und Hoffnung.

Seit 1950 lebte sie in Kasachstan, wo sie in Pawlodar als Deutschlehrerin tätig war – sie war Lehrerin von Berufung. Sie studierte extern Fremdsprachen in Moskau und absolvierte im Fernstudium das Pädagogische Institut in Koktschetaw. Schon in der Trudarmee widmete Rosa Pflug jede freie Stunde der Laienkunst. Diese Liebe zur Volkskunst war es wohl auch, was Rosa so aktiv an der Entstehung des Volksensembles „Ährengold“ teilnehmen ließ, der ersten russlanddeutschen Laienkulturgruppe für Gesang und Tanz in der UdSSR der Nachkriegszeit. Ihr verdankt das später berühmt gewordene Ensemble auch den klangvollen Namen „Ährengold”, die Kulturgruppe wurde 1974 von Jakob Gering, Rosa Pflug und Alexander Schiller gegründet. Sie war es auch, die alle Programme zusammenstellte, die Zeitungen und Sammelbände nach deutschen Volksliedern durchforstete, Texte für die Moderatoren schrieb und Liedertexte zu Schillers Musik für den Chor dichtete. So entstanden ihre gemeinsamen Lieder „Mein Heimatdorf”, „Abschiedslied” und andere. Auch viele andere Komponisten haben die Texte von Rosa Pflug, die voller Musikalität sind, vertont, etwa Friedrich Dortmann, Helmut Eisenbraun, Emanuel Jungmann und andere – insgesamt mehr als 60 Lieder, damit steht sie an der Spitze der russlanddeutschen Dichter.

Seit Ende 1994 lebte Pflug in Berlin. „Auch nach Jahrzehnten des Wartens und Hoffens hatte die ersehnte Stunde der Rückkehr in die angeborene Heimat nicht geschlagen. Darum die massenhafte Auswanderung in die historische Heimat, die uns großzügig die Chance gibt endlich anzukommen. Zermürbt und zermahlen, beginnen wir nun neue Wurzeln zu schlagen – im Hier und Heute“, sagte sie selbst dazu in einem Interview.

Gedichte und Erzählungen veröffentlichte Rosa Pflug in der deutschsprachigen Presse wie in Sammelbänden seit 1968. Ihr Gesamtwerk umfasst Mehr als 500 Gedichte, Dutzende Dreizeiler, Hunderte Übersetzungen bekannter russischer und kasachischer Autoren, 17 Erzählungen, etwa 100 Kleingeschichten, 25 Skizzen und andere Beiträge über Kulturschaffende. Sie wurde Mitglied des Schriftstellerverbandes der UdSSR.

1977 erschien im Verlag Kasachstan das erste Sammelbändchen der Dichterin: „Im Heimatgefilde". 1985 folgte der zweite Sammelband mit dem Titel „Unauslöschlichen Sterne" mit 48 Gedichten und 16 Übersetzungen. In Deutschland erschien 2002 im BMV Verlag Robert Burau der Gedichtband „Der Wind singt vom kommenden Tag. Ausgewählte Gedichte“. In ihren ausgewählten, chronologisch aufgeteilten Gedichten erzählt die Dichterin aus verschiedenen Phasen ihres Lebens dort und hier, die Edition umfasst Gedichte aus den Jahren 1968 bis 1999.

Ihre warmherzige, feinfühlige Poesie hat zahlreiche Leser dort wie hier tief berührt, zum Zweifeln und Grübeln gebracht und Menschen wie sie selbst, „die mit leicht verwundbarer Seele durchs Leben gehen, das Gute suchen und das Böse hassen“ immer wieder Mut gemacht. So bleibt sie auch in Erinnerung ihrer dankbaren Landsleute.

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