09 Dezember 2016

Russland-deutscher "Oscar"


Das Russlanddeutsche Theater Niederstetten wurde mit dem Hauptpreis des russlanddeutschen Kulturpreises Baden-Württembergs für seinen Einsatz für die Kultur der Deutschen, die aus den ehemaligen Sowjetstaaten in ihre historische Heimat zurückgekehrt sind, ausgezeichnet.

Die angesehene Jury des Preises verlieh den Leitern des Russland-Deutschen Theaters Maria und Peter Warkentin den Preis über 5.000 Euro, die vergleichbar mit dem "Oscar" in der Kinoindustrie ist. Im Repertoire sind viele Stücke, die auch Fragen der Geschichte und der heutigen Situation von Russlanddeutschen nachgehen. 

Die ehemaligen Schauspieler des Deutschen Theaters in Kasachstan kamen Mitter der 90er Jahre nach Deutschland und gründeten das Russland-Deutsche Theater. 

Bei der Auszeichnung am 5. Dezember in Stuttgart hielt MdB Christoph Bergner eine Rede: "Vereinfacht gesagt: Das Russland-Deutsche Theater Niederstetten hat seinen Landsleuten geholfen, Russlanddeutsche im Sinnen ihrer Herkunft zu sein. Es hat uns einheimischen Deutschen geholfen die Russlanddeutschen in ihrem mit besonderen Kulturerfahrungen ausgestatteten Deutschsein zu verstehen und ernst zu nehmen. 

Die künstlerische Arbeit des Theaters aus Niederstetten hat den Russlanddeutschen nicht nur in Deutschland, sondern auch in der Russischen Föderation und Kasachstan geholfen ihre kulturelle Authentizität zu finden. Oder um es mit einem anderen Begriff zu sagen, es hat zur kulturellen Rehabilitierung der Russlanddeutschen beigetragen. Wir alle wissen wie schwer der Rehabilitierungsgedanke der repressierten Volksgruppe der Russlanddeutschen umzusetzen war. Politisch unbefriedigend, rechtlich nur teilweise und materiell schon gar nicht. Aber umso wichtiger bleibt es, dass wenigstens das kulturelle Erbe im Ergebnis eines solchen Rehabilitierungsprozesses wiedererweckt und bewahrt werden kann.

In dieser Aufgabe, steht das Russland-Deutsche Theater Niedersteten in der Kontinuität einer Institution, deren Bedeutung für die Pflege der sprachlichen und kulturellen Identität der Deutschen in der Sowjetunion kaum überschätzt werden kann. Das Theater steht in der unmittelbaren Nachfolge des einzigen Theaters der Russlanddeutschen in der Sowjetunion, das 1980 in Temirtau, in der Kasachischen Sowjetrepublik gegründet wurde. Nominell besteht ein solches Theater in Almaty bis heute. Vor dem zweiten Weltkrieg gab es russlanddeutsche Theater aber die existierenden Theater in Engels oder Odessa wurden im Zuge der Stalinschen Erlässe 1941 geschlossen und alle Angestellten und Schauspieler deportiert. Insofern hat das Temirtauer Theater mit dem Rehabilitierungsprozess in der Sowjetunion begonnen."

"Das Theater Niederstetten ist auch der Tradition des fahrenden Theaters treu geblieben. Denn in der Sowjetunion, wo die deutschen Siedlungen über ein riesiges Territorium weit verstreut waren, hat man sich im Fahren geübt. Das Theater trat damals und heute dort auf, wo es sein Publikum findet. In der Sowjetunion waren es Spielorte zwischen Riga und Taschkent. Und so ist auch in Deutschland das Russland-Deutsche Theater Niederstetten in den letzten zwanzig Jahren unzählige Male zwischen Friesland und Oberbayern aufgetreten. Mir ist der Auftritt in meiner Heimatstadt Halle noch in ganz lebendiger Erinnerung. 

Das Theater erfüllte in dieser Zeit eine wichtige integrationspolitische Aufgabe ohne je eine staatliche Förderung für einen solchen Auftrag genossen zu haben. Das was an zahlreichen anderen Stellen von Organisation, Kulturreferenten und Bundesbehörden mit zum Teil erheblichen finanziellen Aufwand betrieben wird erledigt das Theater aus freien Stücken und getragen von innerer Überzeugung. Ein Abend mit Maria und Peter Warkentin mit ihren Stücken „Der weite Weg zurück“, „Mix Markt – einfach anders“ oder „Und die Kabale und die Liebe“ ersetzten in ihrer Wirkung nicht selten aufwendige Integrationslehrgänge und Seminare, in dem sie emotional ihre Zuschauer ansprechen erzielen sie nachhaltige Wirkung."

"Auch grenzüberschreitend leistet das Theater eine wichtige Aufgabe in der Bewahrung und Weitergabe der russlanddeutschen Theatertraditionen. In Kooperation mit dem Internationalen Verband der Deutschen Kultur in Russland oder der Assoziation der Wiedergeburten in Kasachstan wurden Seminare und Workshops mit Erwachsenen und Jugendlichen in Kasachstan und Russland durchgeführt. 
Insofern erfüllt die Arbeit und Aktivitäten des Russland-Deutschen Theaters Niederstetten sämtliche Grundideen der Bundesvertriebenenförderung nach § 96 Bundesvertriebenengesetz. Ihre Arbeit bewahrt und fördert die Kultur und Traditionen der russlanddeutschen Spätaussiedler und trägt im Wesentlichen zum Verständnis dieser Bevölkerungsgruppe innerhalb der deutschen Gesellschaft bei."

Den Ehrenpreis des russlanddeutschen Kulturpreises Baden-Württembergs über 2.500 Euro erhielt Gottlieb Krune, Vorstand des Hamburger Vereins der Deutschen aus Russland e. V., für seine Arbeit zur Erhaltung und Popularisierung der russlanddeutschen Kultur.  Der russlanddeutsche Kulturpreis wird seit 1994 alle zwei Jahre verliehen. 

Rubrik: Glückwünsche

NACHRICHTEN
ARCHIV