15 Dezember 2016

Szenen aus Leben und Tod

- Julia Larina -


Die 1900 in München geborene Schauspielerin Carola Neher erlebte noch nicht mal die Mitte des Jahrhunderts, jedoch all seine Grausamkeiten. In Deutschland schrieb Bertolt Brecht extra Rollen für sie, in der UdSSR wurden ganz andere Texte für sie geschrieben - Vernehmungsprotokolle.

Die Geschichte kann man ganz kurz wiedergeben: Berühmte deutsche Schauspielerin emigriert, nachdem Hitler an die Macht gekommen ist, in die Sowjetunion, wo sie nach wenigen erfolgreichen Selbstfindungsversuchen beschuldigt wird, in einer Verbindung zu Trotzkisten zu stehen. Sie wird aufgrunddessen ins Gefängnis gesteckt, wo sie dann an Typhus stirbt.

Diese Geschichte kann man aber auch ausführlicher erzählen. Carola Neher war berühmt auf europäischen Bühnen und für Brecht eine große Schauspielerin. Für sie schrieb er sein Theaterstück „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“. Die Schauspielerin besuchte in Berlin einen Russischsprachkurs, der von der Kommunistischen Partei Deutschland organisiert wurde. Im Sprachkurs lernte sie Anatol Becker aus Rumänien kennen und zieht mit dem von der Sowjetunion begeisterten Ingenieur nach Moskau.

Sie leben sehr bescheiden in Moskau. Sie unterrichtet Schauspieler, Amateure, die im Deutschen Theater / Kolonne Links engagiert waren, veröffentlicht deutschsprachige Publikationen in Moskau und arbeitet für einen Radiosender. Im Dezember 1934 wurde ihr Sohn geboren und 1936, einige Wochen nach der Festnahme ihres Mannes (er wurde 1937 erschossen), wird sie auch abgeholt. Sie wurde im Zuge des Großen Terrors als Trotzkistin verhaftet und zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt. Sie stirbt im Sommer 1942 im Gefängnis der Stadt Sol-Ilezk an Typhus. Ihr Sohn Georg erfährt erst 1967, wer seine Eltern waren.

Diese Geschichte kann man auch noch viel ausführlicher erzählen. Dies setzte das Internationale Memorial um, indem es in Deutschland das Buch "Carola Neher. Gefeiert auf der Bühne, gestorben im Gulag“ veröffentlicht hat. In dem Buch berichten verschiedene Autoren über bestimmte Lebensabschnitte von Carola Neher. Das Schicksaal der Schauspielerin wird im Kontext der damaligen politischen Lage in Deutschland und in der Sowjetunion erzählt. Es wird auch über das Leben und Schicksal anderer politischer Emigranten und sowjetischer Theaterfiguren erzählt. Auf 350 Seiten findet man Einzelheiten, die in diesem Zusammenhang sehr wichtig sind.

Es sind Einzelheiten über ihr glückliches Eheleben mit ihrem ersten Ehemann Klabund (Dichter und Dramaturgen Alfred Henschke), der sehr jung an Tuberkulose starb, sowie über das nicht einfache Familienleben mit Anatol Becker in Moskau, wo sie die erste Zeit bei Freunden auf dem Boden schlafen mussten und später ein Zimmer in einer Wohnung bewohnten, bis sie dann endlich eine eigene Wohnung bekommen haben.

Das Buch beinhaltet auch eine Analyse Ihrer Rollen im Theater und in der Filmproduktion (sie hatte drei Filmrollen, darunter die Verfilmung der „Dreigroschenoper“ von Brecht). Es wird über ihre Teilnahme am Projekt eines deutschen Theaters der Emigranten in der Sowjetunion erzählt. Daraus entstand das Theater in Engels, der Hauptstadt der Republik der Wolgadeutschen.

Das Buch erzählt auch über ihre Zusammenarbeit mit Brecht und auch darüber, dass der Schriftsteller nicht sehr bemüht war,  seiner Lieblingsschauspielerin Carola Neher aus dem sowjetischen Gefängnis zu helfen. Die Geschichte, die als Grundlage ihrer Beschuldigung diente, war ihr Treffen in Prag 1934 mit Erich Wollenberg, der aus der Sowjetunion flüchtete. Er kritisierte das Stalin-Regime und galt als Initiator einer „trotzkistisch-terroristischen Verschwörung“. 

Hilda Duty, die mit Carola Neher im Gefängnis saß, erzählt darüber, wie die Schauspielerin in der Kammer in Orel deutsche Gedichte flüsterte – Sprechen war verboten. Hilda erinnert sich, wie sie und Carola in Sol-Ilezk sich Glatzen rasierten, da es im Winter fast kein Wasser gab und Seife gab es eigentlich nie.

Vor dem Hintergrund des Elends, das im Buch beschrieben wird (das Schicksaal fast aller politischen Emigranten endete tragisch in der Sowjetunion), geht das Werk gut aus: Georg Becker, dessen Eltern und Pflegeeltern verhaftet wurden (sie waren ebenso politische Emigranten) absolvierte nach dem Kinderheim eine Lehre und ein Studium an einer Polytechnischen Hochschule, sowie einer Musikschule und einem Konservatorium. Er erfuhr über das Schicksaal seiner Eltern im Jahr 1967 und konnte Mitte der 70er nach Deutschland ausreisen, wo er langjährig an dem Konservatorium im Augsburg beschäftigt war. Vor drei Jahren wurde einer Straße in München der Name von Carola Neher gegeben. Und in Moskau ist es geplant an das Haus, wo Carola Neher vor der Festnahme gewohnt hat, eine Gedenktafel mit ihrem Namen anzubringen.

Übersetzung aus dem Russischen. Der Artikel erschien zuerst in der Moskauer Deutschen Zeitung.

Rubrik: Wissenswertes

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