02 Januar 2017

Ein Geschenk für Großmütter von Väterchen Frost

- Ekaterina Kaier -


Manche gehen am 31. Dezember in die Sauna oder machen Salate und schauen sich den Film „Ironie des Schicksals“ an, andere verteilen Lebensmittel an Bedürftige, damit diese auch Zutaten für den Neujahrssalat haben.

„Ich bin ein Helfer von Väterchen Frost!“, antwortete der breitschultrige und gut aussehende junge Mann lächelnd auf die Frage des 5-jährigen Stefan. „Und wer bist du?“ Seit einigen Jahren schon verteilt der Teilnehmer des Deutschsprachkurses Alexej Spät Weihnachtsgeschenke an Russlanddeutsche.

„So eine Überraschung! Ein echtes Weihnachtswunder!“, bemerkte Hände verschränkend Nellja Tatartschenko (Rupp) als sie in die große Kiste reinschaute.

„Das ist alles vom Weihnachtsmann?!“, wunderte sich der Enkel von Nellja Tatartschenko und bestaunte dabei die bunten Verpackungen. Unter den Paketen mit Buchweizen, Reis, Nudeln und Zucker suchte er sich eine bunte Laterne gefüllt mit Pralinen aus. „Hurra! Das neue Jahr ist da!“

„Das ist das erste Mal, dass ich so ein Geschenk bekomme“, teilte uns Nellja Ljudwigowna mit. „Klar ist es wichtig für mich, ich bekomme nur eine kleine Rente.“

Jährlich bekommen Russlanddeutsche im Winter humanitäre Hilfe, die von der Bundesregierung mit Unterstützung des Internationalen Verbandes der deutschen Kultur finanziert wird. Dieses Jahr bekommen diese Hilfe etwa 5200 Familien, die Hälfte von denen wohnt östlich des Urals. Es wurden mehr als 14 Millionen Rubel für Lebensmittel ausgegeben.

„Dieses Jahr kostet ein Lebensmittelpaket ca. 2600 Rubel“, berichtet die Vorsitzende des zwischenregionalen Koordinierungsrates der Begegnungszentren der Russlanddeutschen der Zentral- sowie Nordwestregionen Natalja Dempke. „Zu Weihnachten bereiten wir 520 Weihnachtsgeschenke für Russlanddeutsche vor, für Einwohner der zwei oben genannten Regionen. Unter den Beschenkten sind ehemalige Trudarmisten, Vertriebene, Alleinstehende und bedürftige Rentner“. Die Lebensmittelpakete sind nicht nur eine Möglichkeit, den Weihnachtstisch zu decken: Fünf Kilo Zucker kann man nicht an Weihnachten essen. „Diese Lebensmittel sind eine Hilfe für die Bedürftige über einen längeren Zeitraum. Die Beschenkten sind für eine bestimmte Zeit mit Zucker, Getreide, Sonnenblumenöl usw. versorgt“, erklärt Natalia Ivanovna. „Aber es kommen auch Süßigkeiten und Plätzchen in die Pakete rein. Es sollen auch die Enkelkinder Freude an der Hilfe haben!“

Humanitäre Hilfe kommt auf vielen Wegen an. In die Ortschaften, wo es keine Begegnungszentren gibt, wird die Hilfe per Post zugestellt. Dabei darf ein Paket nicht mehr als 10 kg wiegen. In die Ortschaften, wo es Strukturen der Selbstorganisationen der Russlanddeutschen gibt, werden die Pakete mit dem Auto in ein Begegnungszentrum gebracht und von dort aus bringen ehrenamtliche Mitarbeiter die Hilfe an die Bedürftigen. Diese Pakete dürfen maximal 20 kg schwer sein. Außerdem werden in manchen Städten die Pakete selbstständig aufgefüllt und verteilt, so wie z. B. in Staryj Oskol.

In einem Lebensmittelmarkt der Stadt Staryj Oskol treffen wir uns mit der Leiterin des Zentrums der deutschen Sprache „Ethnos“ Elena Rosschupkina. Sie organisiert den Einkauf der Geschenkpakete. Dabei wird sie von den Sprachkursteilnehmern Nadeschda Pflaum und Swetlana Feofilaktova (Vasem) mit Enkelin Karina unterstützt.

Wir bekommen von den Verkäuferinnen große Kisten, stellen diese in die Einkaufswägen – und los geht’s! Die Frauen suchen die Lebensmittel gründlich aus: Sprotten nur aus Königsberg, Lachs nur aus Fernost, regionale Nudeln aus Schebekino. Die Süßigkeiten darf die 11-jährige Karina aussuchen. Es war Karina, die die mit Pralinen gefüllte Laterne für Stefan ausgesucht hat.

Drei Stunden später haben wir einen sehr langen Kassenzettel bekommen. Der konnte uns alle vier umringen. Draußen wartete schon Alexej Spät auf uns. Die Geschenke wurden sofort in sein Auto geladen.

Wir fahren zu Irma Stumpf. Sie ist 82 Jahre alt, verfügt aber trotz ihres hohen Alters über ein ausgezeichnetes Gedächtnis. Sie zeigt uns ein Fotoalbum und erzählt über die Zeit, als sie im Wolgagebiet gewohnt hatten. Als kleine Kinder sind sie nach dem Regen in die Pfützen gesprungen, badeten im Fluss und marschierten zum Lied „Für den Kameraden Thälmann: Hoch die Faust“. Sie erzählte, wie sie im Winter Schlitten gefahren sind, mit ihrer Mutter einen Schneemann gebaut haben und auf das Christkind und den Pelznickel gewartet haben. Und wie mit einem Schlag alles vorbei war. Und sie sich dann eines Nachts in dem Dorf Ogluchino, Gebiet Omsk wieder gefunden haben. „Diese Geschenke sind eine Entschädigung für unsere hungrige Kindheit!“, erzählt Irma Stumpf. „Ich warte jetzt schon kurz vor den Feiertagen immer auf Lena (Elena Rosschupkina) und Aljoscha (Alexej Spät).“ Als wir das Haus von Irma Stumpf verlassen haben, wurde mir klar, dass die Übergabe der Lebensmittel nicht nur eine materielle Hilfe darstellt. Es ist auch noch eine Unterhaltung, die den älteren Menschen sehr fehlt.

Die nächste Adresse: Wir fahren zu Raisa Avilova (Schleger). Mit viel Schwung bringt Alexej Spät das etwa 20 kg schwere Paket in den 4.Stock des Hauses. „Das Wichtigste für uns ist die Aufmerksamkeit, die wir dadurch bekommen“, betont Raisa Andrejevna. „Für uns ist es wichtig zu wissen, dass man an uns denkt. Wir haben ja keine Verwandtschaft mehr. Es kümmert sich sonst niemand um uns. Ich bin 77 Jahre alt. Es ist für mich nicht einfach ein 5-Kilo-Päckchen Zucken in den 4. Stock zu tragen. Und hier bekommen wir auf einmal so viele Geschenke direkt in die Wohnung geliefert! Vielen Dank für die Hilfe und Aufmerksamkeit.“

Die letzte Kiste mit Geschenken wird in den nächsten Rayon von Staryj Oskol gebracht. Elena Rosschupkina erklärt: „Wir fahren jetzt zu der bedürftigsten Familie. Vor ein paar Jahren schrieb ein Russlanddeutscher, der nach Deutschland umgezogen ist, an den Internationalen Verband der deutschen Kultur. Er bat um Hilfe für seine geschiedene Frau und seine Tochter, die in Russland geblieben sind. Galina Sehmann, die eine Behinderung zweiten Grades hat, betreut ihre Tochter, die seit ihrer Geburt behindert ist." „Danke fürs Kommen!“, freut sich Galina Alexandrowna, „Das ist alles für meine Adeli! Ich selbst brauche nichts! Meine Tochter ist das Wichtigste für mich. So können wir jetzt einen Festtisch decken und ein Fest machen!“

Ich verabschiede mich von Elena Rosschupkina und Alexej Spät in guter Laune und der Überzeugung, dass Weihnachtswunder existieren!

Der Artikel erschien in der Moskauer Deutschen Zeitung. Übersetzung aus dem Russischen ins Deutsche.

 

Rubrik: Arbeit in den Regionen

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