20 Januar 2017

„Russland braucht seine eigene Reformation“


Pfarrer Viktor Weber über Dialog und Versöhnung 500 Jahre nach Luthers Thesen.

Hier steht sie und kann nicht anders: Die evangelisch-lutherische Kathedrale St. Peter und Paul in Moskau ist ein Zentrum der Feierlichkeiten zu 500 Jahren Reformation. Begonnen haben sie bereits im Herbst, doch jetzt fängt das Jubiläumsjahr so richtig an. Die MDZ sprach deshalb mit Pfarrer Viktor Weber (41) vor allem darüber, was Reformation in und für Russland bedeutet.

Herr Weber, wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal von Luther und der Reformation gehört haben?

Das muss im sowjetischen Schulunterricht gewesen sein. In Sibirien, wo ich geboren bin. Und auch aus dem Munde meines Großvaters, der von der Wolga stammte und wie alle Wolgadeutschen 1941 deportiert wurde. In Kasachstan, wo er später lebte, wurden in den 80er Jahren, zu Zeiten der Perestroi ka, die ersten Gottesdienste abgehalten, noch halb im Untergrund. Er hat sich taufen lassen. Aber die Gespräche über diese Dinge blieben sporadisch. Ich war ein ganz normaler sowjetischer Schüler.

Was haben Sie in der Schule über die Reformation gelernt?

In den Lehrbüchern hat man sie als Teil des Klassenkampfes dargestellt, wie es der damaligen Ideologie entsprach. Sie wurde also aus dem historischen Zusammenhang gerissen.

Wie sehr betrifft uns das, was vor einem halben Jahrtausend passierte, heute?

Was die Reformatoren wollten, war eine Rückbesinnung auf Gottes Wort, auf die Kirche aus der Zeit der Apostel. Luther hat diese Diskussion 1517 mit seinen 95 Thesen angestoßen, in denen Missstände und Fehlentwicklungen angeprangert wurden. Die Diskussion ist allerdings nicht in Gang gekommen, stattdessen gab es Konfrontation, Krieg und Kirchenspaltung. Wir Lutheraner verstehen Reformation nicht als einmaliges Ereignis, sondern als ständigen Prozess der Analyse, der Erneuerung. Das ist also immer aktuell. Ich sehe es als unsere Aufgabe an, das Jubiläumsjahr 2017 zu nutzen, um diese Auffassung von Reforma tion nach außen zu tragen: nicht als eine längst vergangene historische Etappe, sondern als etwas mit ganz praktischer Bedeutung für uns im Hier und Heute.

Um Russland habe die Reformation einen Bogen gemacht, heißt es meist. Trifft das zu?

Russland ist nur indirekt damit in Berührung gekommen. Speziell seit Iwan dem Schrecklichen haben sich hier Einwanderer niedergelassen, ihre Religion und Kultur mitgebracht. Zunächst fühlten sie sich noch als Ausländer, denen auch spezielle Wohnorte zugewiesen wurden. Aber beginnend mit dem 18. Jahrhundert fielen diese Grenzen. Die Reformation erreichte Russland also über die Menschen. Und auch die evangelisch-lutherische Kirche, obwohl westlichen Ursprungs, wurde eine russische. Bis das 20. Jahrhundert dieser Entwicklung ein Ende setzte.

Braucht Russland seine eigene Reformation?

Natürlich. Russland hat seine Geschichte, seine Prägung. Aber so wie jedes Land muss es sich mit sich selbst beschäftigen, Fehler überdenken, den Weg der Erneuerung gehen.

Dasselbe würden Sie also auch über Deutschland sagen?

Deutschland hat solche Perioden erlebt, in denen sich die Gesellschaft erneuert hat, sowohl im Mittelalter als auch nach dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel.

Und die Perestroika, die Aufarbeitung mit der Sowjetvergangenheit in Russland?

Dieser Prozess ist längst nicht abgeschlossen. Mir scheint, dass gerade jetzt ein Fundament entstehen muss, auf dem sich die Zukunft aufbauen lässt, anstelle des Fundaments, das noch aus Sowjetzeiten stammt. Sich mit der heutigen Welt auseinanderzusetzen, ist für Russland eine besondere Herausforderung, weil man hier noch nicht mit aller Konsequenz die Schlussfolgerungen aus diesem furchtbaren 20. Jahrhundert gezogen hat. Da steht noch viel Arbeit bevor.

Der russisch-orthodoxen Kirche wird verschiedentlich zugutegehalten, dass sie im theologischen Konflikt zwischen Luther und der katholischen Kirche durchaus auf Luthers Seite hätte stehen können. Den Ablasshandel, den er scharf kritisierte, kannte sie nicht, das Zölibat ebenso wenig. Und auf den Papst war sie ohnehin nicht gut zu sprechen.

Wenn Martin Luther zu seinen Lebzeiten Kontakt zur russisch-orthodoxen Kirche gehabt hätte, dann hätte er festgestellt, dass man in vielem auf einer Wellenlänge liegt. Darauf weisen in der Tat viele Historiker hin. Ansonsten tue ich mich schwer, für die Orthodoxie zu sprechen. Aber mir scheint, dass auch sie sich reformieren muss. Bereits am Beginn des 20. Jahrhunderts stand sie an der Schwelle tiefgreifender Veränderungen. Aber der bolschewistische Umsturz hat jeglichen konstruktiven Ansatz für lange Zeit zerstört. Ich denke, dass die orthodoxe Kirche heute vor allem Zeit braucht. Russland befindet sich in einem Prozess der Selbstfindung, des Anknüpfens an sein Erbe, seine reiche Geschichte. Dabei darf es nicht die Fehler wiederholen, die bis 1917 gemacht wurden.

Wie kommt es, dass die weitaus meisten Russlanddeutschen Lutheraner sind?

Man hatte in Russland bekannte Vorbehalte gegenüber den Katholiken, befürchtete auch deren Missionarstätigkeit. Zu Protestanten, Lutheranern war das Verhältnis neutral. Kein Wunder also, dass die ganz große Mehrheit der Übersiedler, der deutsche Kolonisten, die Katharina die Große einlud, aus diesen Kreisen kam. Vielleicht hat dabei auch eine Rolle gespielt, dass die Zaren ja selbst familiäre Beziehungen nach Deutschland unterhielten: zu Protestanten, nicht zu Katholiken.

Welche Botschaft verbinden Sie mit 500 Jahren Reformation?

Der Terrorismus zeigt uns, was die Folgen sind, wenn kein Platz für verschiedene Meinungen, für Verständigung ist. Auch die christlichen Konfessionen müssen ungeachtet gewisser Unterschiede in der Glaubenslehre aufeinander zugehen, miteinander reden, zusammenarbeiten. Denn was vor 500 Jahren geschehen ist, war ja nicht nur positiv. Es hat viele Fehler und viele Opfer gegeben – auf beiden Seiten. Heute gilt es, die Kirchenspaltung nach und nach zu überwinden, unsere Meinungsverschiedenheiten auszuräumen und den Weg der Versöhnung einzuschlagen. Vor diesem Hintergrund laden wir am 24. Januar um 19 Uhr zu einem musikalischen Abend in unsere Kathedrale ein. Die Veranstaltung bildet den Höhepunkt der Woche des Gebets für die Einheit der Christen, die uns sehr am Herzen liegt. Außerdem sind dieses Jahr mit Unterstützung der Stadt Moskau und der Präsidialadministration eine Reihe von Konferenzen, Ausstellungen, Lesungen und Gottesdiensten geplant.

 

Das Interview führte Tino Künzel für die Moskauer Deutsche Zeitung. 

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