24. Januar 2017

Geschichte der Familie Ramich. Die Fahrt in das unbekannte Sibirien

Die Familie meines Großvaters David Ramich wurde 1941 aus dem Dorf Rosenberg (Kanton Erlenbach, Wolgarepublik) in das Gebiet Tjumen deportiert.

Die Familie war groß, 1941 zählte sie schon fünf Kinder. Mein Großvater war vier Jahre alt. Meine Urgroßmutter, Maria Ramich, starb 2002 mit 94 Jahren. Doch sie konnte sich auch im hohen Alter an die kleinsten Details erinnern. Als ich in der Universität meinen Familienstammbaum aufzeichnen sollte, fing ich an, meine Familiengeschichte detailliert aufzuschreiben. Das war im Jahr 1999. Meine Großmutter erzählte mir folgendes:

„Alle versammelten sich im Club, es wurde der Befehl Stalins vorgelesen, ohne zu erklären warum und wieso gab man uns eine Woche Zeit. Es wurde aufgelistet, was man mitnehmen durfte und was nicht. Die, die als erstes wegfuhren, hatten mehr Glück: Sie konnten ihr Vieh abgeben und Bescheinigungen erhalten, dass ihr Verlust an ihrem neuen Wohnort zum Teil kompensiert wird. Doch es gab wenige solcher Familien, die einen Teil ihres Hab und Guts wegschaffen konnten. Nach einer Woche wurden alle anderen weggebracht, man durfte nur das Allernötigste mitnehmen. Wir wurden alle in Autos geladen und zum Bahnhof gebracht. Dort wurden wir in Warenwaggons in das unbekannte Sibirien gebracht.“

Ursprünglich wurde die Familie Ramich in das Dorf Onochino (Kreis Tjumen) eingeteilt. Doch da die Familie groß war, konnte sie nicht direkt in Onochino untergebracht werden, sondern wurde in der Sondersiedlung „Lodotschka“ untergebracht. Dort lebten die Ramichs fünf Jahre lang. Das waren die schwersten Jahre der Familie.

„Die Nachricht, dass Deutsche kommen, machte im Dorf schnell die Runde“, erinnert sich die Großmutter. „Jemand verbreitete das Gerücht, dass sie aus Deutschland kamen, dass sie schrecklich und teuflisch waren und Hörner, Hufen und Schwänze hatten.“ Und als wir mit Autos hingebracht wurden, eilte das ganze Dorf herbei, um das zu sehen. Viele Deutsche verstanden kein Russisch und hatten deswegen große Angst. Die Kinder blickten erschrocken in die unbekannten Gesichter und schmiegten sich an die Älteren. Und man hörte Geflüster in der Menge: „Sie sind ja gar nicht schrecklich!“

In den 1970er Jahren fuhren mein Großvater David Ramich und mein Urgroßvater Heinrich Ramich an die Wolga an ihre vertrauten Orte. Leider stand das Haus, in dem die Familie Ramich vor der Deportation lebte, nicht mehr. Es war am Rande des Dorfes und als nach dem Krieg eine Eisenbahnstrecke verlegt wurde, war das Haus im Weg und wurde abgerissen. Und das Haus, in dem die Eltern meines Urgroßvaters Heinrich Ramich lebten, wurde zur örtlichen Verwaltung. Diese Entscheidung war kein Zufall.

Es war ein deutsches Haus, damit ist schon viel gesagt. 1989 zeigte mein Großvater meinem Vater Viktor Ramich seine vertrauten Plätze. Leider haben mein Vater und ich es noch nicht geschafft, zusammen ins Wolgagebiet zu fahren. Doch ich bin mir sicher, dass wir diese Familientradition fortsetzen werden. 

 

Auszug aus dem Buch "Fortjagen muss man sie".

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