19 September 2017

Himmelreich auf Erden


Mit etwas Hilfe können Lutheraner an der Wolga endlich ihr neues Zuhause beziehen. Ein Beitrag der Moskauer Deutschen Zeitung.

Die Abwanderung der meisten Russlanddeutschen nach Deutschland hat auch im südrussischen Kamyschin die lutherische Gemeinde stark ausgedünnt. Doch jetzt wird wieder mit größerer Zuversicht in die Zukunft geschaut: Der Bau einer eigenen Kirche geht endlich dem Ende entgegen. Doch noch muss dafür viel Geld aufgetrieben werden.

Ljudmila Iljina ist zu Gott gekommen, als sie ihn am nötigsten hatte. Schwer erkrankt, hing ihr Leben am seidenen Faden. Und als sie auf der Intensivstation lag, hat sie zum ersten Mal ein Gebet gesprochen. Es war das einzige, das sie kannte: das Vaterunser. 20 Jahre später steht Iljina auf einer Baustelle in Kamyschin, einer Stadt an der Wolga mit viel russlanddeutscher Geschichte. Die frühere Deutschlehrerin und Atheistin, Tochter eines deutschstämmigen Lutheraners, ist damals wieder gesund geworden. Im Jahr 2000 hat sie sich taufen lassen und ist der
lutherischen Gemeinde beigetreten. Die Baustelle, auf der die Rentnerin herumführt, ist deren neues Gotteshaus. Genauer gesagt, sie soll es einmal werden. Von außen macht das zweistöckige Gebäude in einer Eigenheimsiedlung am Stadtrand zwar den Eindruck, als könnte morgen schon Eröffnung sein. Doch der gesamte Innenausbau, Strom-, Gas-, Wasser- und Abwasseranschluss – das alles bleibt noch zu tun und wird eine siebenstellige Rubelsumme kosten, die für die Gemeinde allein nicht zu stemmen ist. Zumindest soll am 31. Oktober, dem Reformationstag, aber bereits ein erster Gottesdienst im neuen Gebetsraum abgehalten werden. Das ist dann wenigstens schon ein symbolisches Happy End einer Baugeschichte, die einfach kein Ende nehmen will.

Anfang der 80er Jahre nach und nach Wolgadeutsche aus der kollektiven Verbannung nach Sibirien und Kasachstan zurückkehrten und Treffen in Wohnungen organisierten, überließen ihnen die Behörden lieber das Grundstück, auf dem heute die Kirche gebaut wird: So war das Gemeindeleben besser zu kontrollieren. Aus Abrissmaterial entstand dort ein Gemeindezentrum, 1983 war Einweihung. Aber irgendwann ging die Gasheizung endgültig kaputt, so dass in der kalten Jahreszeit wieder Zwischenlösungen gefragt waren. 2008 fuhr Ljudmila Iljina mit einer Jugendgruppe zu einem Lutheraner-Treffen nach Cottbus. Dort sollten die Teilnehmer eines Tages ihre größten Wünsche zu Papier bringen. Iljina zeichnete ein neues Gemeindezentrum. Es dauerte nicht lange, da hörten Kamyschins Lutheraner von ihren Partnern aus Deutschland, dem Kirchenkreis Cottbus: Die hatten entschieden, dass dieser Wunsch erfüllbar ist und man dafür Geld zur Verfügung stellt. 

Letztlich klinkten sich auch das Gustav-Adolf-Werk und der Martin-Luther- Bund mit ein. Eine halbe Million Rubel sammelte die Gemeinde selbst. Seit 2012 laufen die Bauarbeiten. Aber mit der Baufirma, die damit beauftragt wurde, scheint man kein Glück zu haben. Als die sich auch vier Jahre später noch außerstande sah, ein Dach auf den Rohbau zu setzen, ließ man das lieber von ortsansässigen Handwerkern erledigen. Inzwischen sind auch die 35 Fenster eingesetzt. Für die Dauer der Bauzeit musste sich die Gemeinde, die zwischenzeitlich wieder in Privatwohnungen Unterschlupf gefunden hatte, noch einmal eine neue Bleibe suchen. Seitdem finden die Gottesdienste in einem ehemaligen Unterrichtsraum statt. Im Erdgeschoss, damit die ungefähr 20 Teilnehmer nicht Treppen steigen müssen. Denn die meisten sind ältere Menschen. Andere Gemeindemitglieder können aus Alters- und Krankheitsgründen gar nicht mehr zu den Gottesdiensten kommen und werden zu Hause besucht. Immerhin: Mit einer Sonntagsschule, die Iljina leitet, ist vielleicht langfristig für Nachwuchs gesorgt.

Und auch vom Standort der neuen Kirche verspricht man sich einige. "In einem Stadtviertel hier gibt es keinerlei Kultureinrichtungen", sagt Ljudmila Iljina. "Wir haben große Pläne, wollen für die Anwohner mit unseren Angeboten interessant sein". Jetzt muss der Bau nur noch fertig werden. 

Quelle: Moskauer Deutsche Zeitung Nr. 17(456). 

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