Interview mit Nina Paulsen anlässlich ihres 60. Geburtstages In jedem Bereich gibt es eigene Größen und VIPs. Der Medienbereich der Russlanddeutschen ist da keine Ausnahme: Auf diesem Gebiet gibt es kaum jemanden, der den Namen Nina Paulsen nicht kennen würde. Die Journalistin und Redakteurin der Zeitung „Volk auf dem Weg“ ist bereits seit vielen Jahren in dem Journalistikbereich der ethnischen Minderheit tätig. Heute gratulieren wir Nina Paulsen herzlich zu ihrem 60. Jubiläum!
Interview mit Nina Paulsen anlässlich ihres 60. Geburtstages
In jedem Bereich gibt es eigene Größen und VIPs. Der Medienbereich der Russlanddeutschen ist da keine Ausnahme: Auf diesem Gebiet gibt es kaum jemanden, der den Namen Nina Paulsen nicht kennen würde. Die Journalistin und Redakteurin der Zeitung „Volk auf dem Weg“ ist bereits seit vielen Jahren in dem Journalistikbereich der ethnischen Minderheit tätig. Heute gratulieren wir Nina Paulsen herzlich zu ihrem 60. Jubiläum!
Geboren in der Region Altei, verbrachte Nina Paulsen dort ihre Kindheit und Jugendzeit. 1968 bis 1973 studierte sie an der Pädagogischen Universität in Nowosibirsk. 1977 bis 2000 war sie in der deutschen Redaktion der Zeitung „Rote Fahne“ („Zeitung für Dich“) in Slawgorod tätig. Nach der Ausreise nach Deutschland 2000 lebt und arbeitet sie in Nürnberg, bei der Zeitung „Volk auf dem Weg“, dem offiziellen Presseorgan der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland.
In ihren Artikeln erzählt Nina Paulsen von vielen talentierten und engagierten Menschen. Jetzt ist es an der Zeit, sie selbst zu Wort kommen zu lassen.
– Frau Paulsen, wir geht man in Deutschland mit dem Begriff „Ethnizität“ um? Inwiefern ist er aktuell?
– Die Begriffe Ethnie/Ethnizität und die damit verbundene Problematik wird zwar nicht jeden Tag in der breiten Öffentlichkeit diskutiert, aber angesichts der Tatsache, dass Deutschland seit Jahrzehnten ein Einwanderungsland und folglich eine multikulturelle Gesellschaft mit vielen Ethnien und Integrationsproblemen ist, wird es sicher aktuell bleiben und für heiße, polarisierende Debatten in der Politik und Bevölkerung sorgen. Wie beispielsweise das im August dieses Jahres erschienene Buch von Thilo Sarrazin „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“, wo er dem Großteil der Migranten, vor allem den Muslimen, in Deutschland mangelnde Integrationsbereitschaft vorwirft.
Jedenfalls gibt es zum Begriff Ethnie weder in Deutschland noch in Europa keine eindeutigen Richtlinien – vor allem in Deutschland sind wegen der Nazi-Zeit Begriffe wie Rasse, Volk und Ethnie nach wie vor umstritten. Vereinfacht gesagt ist Ethnie ein Volksstamm, allerdings wird der Begriff je nach wissenschaftlicher Fachrichtung verschieden definiert. Häufig orientiert man sich an gemeinsamer Geschichte, Sprache, Religion, Tradition und Abstammung. Auch das Zusammengehörigkeitsgefühl innerhalb einer Gruppe dient als Merkmal. Dazu kommt eine demonstrative symbolische Abgrenzung gegenüber den anderen, Minderheiten haben in der Regel ein stärkeres Wir-Gefühl. Es entsteht immer in der Abgrenzung zu einer anderen Gruppe. Das kann man auch am Beispiel der Russlanddeutschen gut beobachten.
– Die Kultur ist ethnisch und überethnisch zugleich. Unter welchen Bedingungen sind diese Proportionen harmonisch?
– Die Kultur als Gesamtbegriff hat zahlreiche Facetten. Auch das macht die Definition einer Kultur ganz schwierig. Was macht beispielsweise eine gemeinsame deutsche Kultur aus? Daran ist schon die Debatte zur deutschen Leitkultur gescheitert. Es gibt somit keine sichere Definition einer Kultur, auf die man sich zurückziehen könnte. Ideal wäre ein Gleichgewicht der nationalen Komponente und der weltweiten Einflüsse, eine gewisse goldene Mitte eben. Aber das bleibt in der Praxis fast unerreichbar. Immerhin sollte man sich als Ziel wünschen, dass sich die Kultur des jeweiligen Landes bzw. der jeweiligen Ethnie ein Gleichgewicht zwischen der Autonomie und Unterdrückung findet.
– Wodurch unterscheiden sich die Medien der Russlanddeutschen in Deutschland und Russland?
– Der wichtigste Unterschied ist, dass die Printmedien wie Medien generell in Deutschland nicht vom Staat oder Parteien etc. gefördert werden. Auch die Printmedien, die von Russlanddeutschen betrieben werden, müssen von der Werbung leben und sich auf dem freien Markt behaupten können, ungeachtet dessen, dass sie sich angesichts ihrer Thematik und Sprache an eine Minderheit wenden. Die meisten Printmedien erscheinen in russischer Sprache (seltener gemischt) und wenden sich an die „russischsprechende“ Bevölkerung in Deutschland. Von der übrigen Öffentlichkeit oder der deutschen Politik werden diese Medien nicht wahrgenommen, es sei denn, sie verstoßen gegen den Verfassungsschutz, z. B. durch volksverhetzende oder rechtsradikale Inhalte. In deutscher Sprache erscheint nur die Verbandszeitung der Landsmannschaft der Deutschen aus Russland „Volk auf dem Weg“, sie ist aber keine Zeitung im eigentlichen Sinne. Leider haben es die Russlanddeutschen in Deutschland nicht geschafft, eine einheitliche Zeitung herauszubringen, die als Stimme der zahlreichen Volksgruppe von immerhin 2,7 Millionen gelten könnte.
In Russland können nationale Medien nicht von Werbung leben, weil sie in kleinen Auflagen erscheinen und thematisch wie sprachlich (falls nur auf Deutsch oder gemischt) an einen ganz engen Kreis von Personen wenden und für die Allgemeinheit thematisch nicht unattraktiv sind. Es sei denn, man findet eine Präsentationsform, nationale Themen so darzustellen, dass sie das allgemeine Interesse wecken. Thematisch stehen in den „russlanddeutschen“ Medien in Deutschland im Mittelpunkt: das Leben und die Integration der eigenen Landsleute in Deutschland, die Politik des Staates und der Parteien diesbezüglich, die Beziehungen zwischen Deutschland und Russland, die alten Herkunftsgebiete, die Geschichte und das Schicksal der Volksgruppe, rechtliche Beratung und Tipps für das Leben. In Russland ist es umgekehrt – da steht die russische Komponente im Vordergrund, aber auch das Erlernen der deutschen Sprache, das Leben der Deutschen in den Regionen, der deutsche Brauchtum, die deutsche Landeskunde und das Leben der Auswanderer in Deutschland.
– Welche positiven bzw. negativen Seiten weisen aus Ihrer Sicht Medien der ethnischen Minderheit auf?
– Da sich die ethnischen Medien meist im Rahmen der eigenen Ethnie, einer Schicksalsgemeinschaft, bewegen, werden sie auch immer einen engen Kreis von Interessenten erreichen können. Aus Erfahrung weiß man, dass nationale Medien sogar nicht die erwünschte Personenzahl der eigentlichen Zielgruppe erreichen, und noch weniger die außenstehende Öffentlichkeit. Für die große Allgemeinheit bleiben sie trotz der Themenvielfalt unattraktiv. Was anderes zu erwarten, wäre auch ein zu großer Anspruch. In dieser Hinsicht grenzen die ethnischen Medien ab.
Das Positive ist, dass sie das Wir-Gefühl der Ethnie stärken, bei der Integration bzw. der Identitätsfindung helfen und sie geben der Volksgruppe eine Stimme in der Öffentlichkeit, auch wenn sie nicht unbedingt erhört wird.
– Bemühen sich die Russlanddeutschen in Deutschland um die Erhaltung ihrer Identität?
– Etwa 2,7 Heimkehrer, Aussiedler und Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion – so die politischen Etiketten – leben heute in Deutschland. Gekommen sind sie innerhalb von über fünf Jahrzehnten, etwa 2 Millionen jedenfalls in den 90er Jahren bis heute. Allein schon deshalb ist es alles andere als homogene Volksgruppe, die in der Öffentlichkeit erst seit paar Jahrzehnten wahrgenommen wird - als Fremde aus dem Osten oder unter dem Motto „Die Russen kommen“. Obwohl die Mehrheit der zugewanderten Deutschen sich gut integriert und in Deutschland eine neue Heimat gefunden hat. Mehr noch, zahlreiche Russlanddeutsche legen außergewöhnliche Leistungen praktisch in allen Lebensbereichen der Gesellschaft an den Tag.
Diese Wahrnehmung erschwert für einen Teil der Russlanddeutschen nicht selten ihre Identitätsfindung in der neuen Heimat. Viele sind auf der Suche nach der eigenen Stimme und Sprache, nach Wahrnehmung und Anerkennung, nach Selbstfindung und Beheimatung. Nicht wenige leiden unter der inneren Zerrissenheit, sie sind die „Stummen“ im Land ihrer Vorfahren.
Mit Deutschland im Herzen kamen unsere Vorfahren vor fast 250 Jahren nach Russland und begannen entschlossen Wurzeln zu schlagen in der fremden Umwelt. Mit der Zeit verwurzelten sie sich tief im Russenland und wurden zu Russland-Deutschen mit all ihren Sitten und Bräuchen. Mit Russland im Herzen und Deutschland im Sinn leben hierzulande viele Deutsche aus der ehemaligen Sowjetunion.
– Was haben Sie als Nächstes vor?
– Seit Jahrzehnten ist die Geschichte der russlanddeutschen Literatur mein Forschungsgebiet und ein Thema des Herzens. Zwar gibt es mittlerweile zahlreiche wissenschaftliche Nachforschungen und Studien zur russlanddeutschen Literatur, Anthologien, Lexiken und Lesebücher. Eine fundierte, nicht aus persönlicher Sicht verfasste, Literaturgeschichte gibt es nach wie vor nicht. Dafür sammle ich seit Jahren Material – auch Fotos und Briefe der Autoren. Vor allem die Archive der älteren Vertreter der russlanddeutschen Literatur, die die Entwicklung der Literatur mitgeprägt haben, sind diesbezüglich eine viel versprechende Quelle. So sind bereits in den letzten Jahren mehrere Interviews und literarische Porträts entstanden. Diese Arbeit wird weiter fortgesetzt.
– Vielen Dank und alles Gute!
Das Interview führte Elena Seifert.